Der französische Soziologe Pierre Bourdieu gehört sicherlich zu den interessantesten akademischen KlassentheoretikerInnen - und KritikerInnen der Konzepte von Karl Marx. Wir haben die Ansätze der beiden Theoretiker gegenüber gestellt.

Einleitung

Auch mehr als 120 Jahre nach seinem Tod ist Karl Marx noch immer ein wichtiger Bezugs­punkt für die akademische Soziologie (wenn auch oft nur implizit wie schon bei weiland Max Weber, wo zwar mit permanentem Seitenblick auf Marx gearbeitet wird, offene Auseinandersetzung aber die Ausnahme bilden). Vor allem seinen Arbeiten zur Klassentheorie und Klas­­sen­­­analyse der kapitalistischen Gesellschaft werden immer wieder aufgegriffen – und kritisiert. In den meisten Fällen werden seine Konzepte zum wiederholten Male „widerlegt“, im besten Fall werden diese „erweitert“ und „ergänzt“.

Dabei wird vergessen, dass Marx nicht einfach irgendein beliebiger Philosoph, Soziologe oder Ökonom war, aus dessen Werk man ohne weiteres eklektizistisch einzelne Elemente herauspicken und mit anderen Theorien ver­men­gen könnte. Vielmehr war Marx nicht nur Theoretiker (und vielleicht ist es in diesem Zusammenhang nicht ganz überflüssig zu erinnern, dass er zeitlebens nie einen universitären Lehrstuhl bekleidet hat) sondern auch Politiker; seine Schrif­ten verfasste er nicht bloß aus sozialwissenschaftlichem Interesse, sondern stets in Ver­bindung mit dem (oder zumindest in Hinblick auf den) Aufbau der internationalen ArbeiterInnenbewegung und dem Kampf für eine sozialistische Gesellschaft. Darüber hinaus muss, wer Marx kritisiert, stets bedenken, dass sein Werk in vielen Punkten unvollständig blieb, er seine Analyse des Kapitalismus nicht abschließen konnte. Dieses Faktum wird gerade in der Debatte um den Klassenbegriff schla­gend, wo Marx eine alles andere als konsistente und fertig ausgearbeitete Theorie vorgelegt hat.

Pierre Bourdieu (1930-2002) gehört sicherlich zu den interessantesten Marx-Kritiker­Innen und das nicht allein deshalb weil er – anders als zahlreiche ExponentInnen etwa der deutschsprachigen Soziologie nach 1945 – kaum im Verdacht steht, vor dem Hinter­grund des Kalten Kriegs Kritik am Marxismus lediglich als bequeme Einkommens­quelle be­trieben zu haben. Mit Marx hat er gemein, dass er Soziologie stets auch als Gesellschafts­kritik betrieben hat, vor allem in seinen späten Jahren äußerte er sich auch immer öfter explizit politisch. So bekundete er 1995 seine Solidarität mit den ArbeiterInnen- und Jugendprotesten gegen die Regierung von Alain Juppé und warf den französischen Intellektuellen vor, vor dem Neo­liberalismus kapituliert zu haben. Im Gegensatz zu Marx kritisierte er den Kapitalismus aber nicht in seiner Gesamtheit, was auch damit zusammen hängt, dass er nie eine ausführliche Analyse der kapitalistischen Ökonomie betrieben hat (dazu weiter unten). Dennoch hat er große Teile seiner Arbeit darauf verwendet, eine Klassen­struktur der Gesellschaft selbst dort nach­zu­weisen, wo sie kaum jemand vermutet hätte, etwa im Bereich des Geschmacks oder der scheinbar zufälligen „persönlichen Vorlieben“.

In dieser Arbeit soll untersucht werden, wo die Gemeinsamkeiten und wo die Unterschiede der theoretischen Konzepte von Klasse und Kapital bei Marx und Bourdieu liegen und wie diese gegebenenfalls kritisiert werden könnten.

Klasse und Kapital bei Marx

Viele Missinterpretationen des Marx’schen Werks basieren darauf, dass die jeweiligen Inter­pretInnen dieses – bewusst oder unbewusst – durchgehend als konkrete Sozialstrukturanalyse lesen, und nicht als systematische Untersuchung der kapitalistischen Produktionsweise in ihrem „idealen Durch­schnitt“ (MEW 25: 839). In seinem Hauptwerk, dem „Kapital“ geht es Marx – auch wenn er viele historische Beispiele bringt, die er allerdings ausdrücklich als „Illustrationen“ bezeichnet (MEW 23: 12) – primär darum, die zentralen Funktions­mechanis­men des Kapitalismus auf hoher Abstraktionsebene zu erklären, und nicht darum, eine soziolo­gische Analyse von konkreten Klassen und Schichten zu betreiben.

Bei Marx findet sich auch keine ausgearbeitete Theorie zum Thema Klassen. Das 52. Kapitel des dritten Bandes des Kapitals, welches den Titel „Die Klassen“ trägt, endet nach anderthalb Seiten mit der Engel’schen Ergänzung: „Hier bricht das Ms. ab“ (MEW 25: 893). Über das, was Marx nach dem Satz über die „unendliche Zersplitterung der Interessen und Stellungen, worin die Teilung der gesellschaftlichen Arbeit die Arbeiter wie die Kapitalisten und Grund­eigentümer (…) spaltet“ schreiben wollte, können wir nur mutmaßen. Allerdings, und das wird in universitären Diskussionen, in denen man die Angelegenheit damit nicht ungern als erledigt ansieht, in der Regel vergessen: die drei Bände des Kapital folgen in ihrer Anordnung nicht der Entstehungs-Chronologie der ihnen zugrunde liegenden Manuskripte. Insofern muss das Ende von Band III nicht zwangsläufig als Marx’ letztes Wort zu diesem Thema angesehen werden. (1) Entscheidend ist jedenfalls, dass Marx im „Kapital“ die genauere Analyse der Klassen ans Ende und nicht an den Anfang seiner Analyse des kapitalistischen Systems gestellt hat (im Gegensatz etwa zum „Kommunistischen Manifest“, wo Marx noch meinte, mit den Klassen als mehr oder weniger evidenten Größen beginnen zu können).

Im „Kapital“ verwendete Marx den Be­griff „Klas­se“ überwiegend in einem strukturellen Sinn, als notwendige Kategorie, mit­tels derer die fun­da­mentalen Mechanismen des Kapitalismus analysiert werden können und we­niger als empirische Kategorie (vgl. Heinrich 2005: 89). Dies zeigt sich schon allein daran, dass Marx sehr häufig die Begriffe „Personifikation“ und „Charakter­maske“ für Kapitalist­Innen, Grundeigen­tümer­­Innen oder ArbeiterInnen verwendet. Schon im Vor­wort weist er da­rauf hin, dass es „sich hier um die Personen nur, soweit sie die Personifikation ökonomischer Kategorien sind, Träger von bestimmten  Klassenverhältnissen und Interessen“ handelt. (MEW 23: 16, eigene Hervor­hebung).(2) So wären „die ökonomischen Charaktermasken der Per­sonen nur die Personi­fika­tionen der ökonomischen Verhältnisse (…), als deren Träger sie sich gegenüber­tre­ten“ (MEW 23: 100, eigene Hervorhebung). Auf dieser Ebene ist es auch völlig unerheblich, ob die Individuen, die („objektiv“, d. h. mit Rekurs auf Produktionsmittelbesitz) eine Klasse bilden sich auch selbst als solche sehen.

Klasse in ökonomischen Analysen

Es wäre unmöglich, in diesem Rahmen eine umfassende Darstellung der Marx’schen Kapi­talis­mus­analyse zu liefern. Da es in dieser Arbeit um Marx hauptsächlich als Vergleichsgröße zu Bourdieu gehen soll, möchten wir hier nur einige wichtige Ele­mente der marxistischen Theorie in Erinnerung rufen.

An den Anfang seiner Arbeit stellt Marx die Analyse der Ware (MEW 23: 49). Schließlich ist der Kapitalis­mus das erste ökonomische System der Menschheitsgeschichte, indem die Pro­duktion von Waren dominierend ist, etwa gegenüber der Produktion für den Eigenbedarf (Sub­sis­tenz­wirtschaft). Waren, das sind bei Marx zunächst einmal materielle oder im­ma­terielle Güter, die nicht für den unmittelbaren Verbrauch, sondern für den Tausch produ­ziert werden. Auf dem kapitalistischen Markt treten nun zwei spezifische Gruppen von Waren­besitzerInnen miteinander in Interaktion: Auf der einen Seite sind dies BesitzerInnen von Geld und Produktionsmitteln, auf der anderen Seite so genannte „doppelt freie“ LohnarbeiterInnen. Der Lohnarbeiter ist „frei in dem Doppelsinn, daß er als freie Per­son über seine Arbeitskraft als Ware verfügt, daß er andrerseits andre Waren nicht zu ver­kau­fen hat, los und ledig, frei ist von allen zur Verwirklichung seiner Arbeitskraft nötigen Sachen“ (MEW 23: 183).

Die KapitalistInnen wiederum kaufen diese Arbeitskraft von den ArbeiterInnen als Ware ein, und im Austausch für deren Lohn eignen sie sich das gesamte Produkt ihrer Arbeit an. Von ihrem Standpunkt ergibt das natürlich nur dann Sinn, wenn der von den ArbeiterInnen geschaffene Wert höher ist als ihr Lohn. Diese Differenz bezeichnet Marx als  Mehrwert, der somit auch die Quelle des Profits darstellt. Die Arbeitskraft ist also eine besondere Ware, sie ist die einzige Ware, die Neuwert schaf­fen kann, was Marx mit dem Begriff der „Doppelfunktion der Ware Arbeits­kraft“ beschreibt. Entgegen der Grundannahme der klassischen wie neoklassischen bürgerlichen Wirtschaftstheorie werden die ArbeiterInnen also auch nicht für ihre Arbeit, sondern für ihre Arbeitskraft bezahlt. Und der „Wert der Arbeits­kraft, gleich dem Wert jeder anderen Ware, ist bestimmt durch die zur Produktion, also auch Reproduktion, dieses spezifischen Artikels notwendige Arbeitszeit“ (MEW 23: 184).

Geld und Ware in den Händen von KapitalistInnen sind also nicht von vornherein Kapital (und Eigen­tümerInnen von viel Geld sind nicht automatisch KapitalistInnen). Erst im Prozess der Aneignung des von den ArbeiterInnen geschaffenen Mehrwerts (was Marx als „Aus­beutung“ bezeichnet) durch jene, die die Ware Arbeits­kraft sozusagen eingekauft haben, vollzieht sich die in der berühmten Formel G-W-G’ dar­gestellte Verwandlung von Geld in Kapital.(3) Die Aus­beutung ist die objektive Grundlage für die antagonistischen („objektiven“) Interessen von Kapi­talist­Innen und ArbeiterInnen – die einen können ihren Anteil am Gesamtprodukt nur auf Kosten der anderen vergrößern. Mit der oben beschriebenen Polarisation des Warenmarkts sind die Ausgangsbedingungen der kapita­lis­tischen Produktionsweise gegeben:

„Das Kapitalverhältnis setzt die Scheidung zwischen Arbeitern und dem Eigentum an den Verwirklichungsbedingungen der Arbeit voraus. Sobald die kapitalistische Pro­duktion einmal auf eigenen Füßen steht, erhält sie nicht nur jene Scheidung, sondern reproduziert sie auf stets wachsender Stufenleiter. (MEW 23: 742).

Marx zeigt, wie das Klassenverhältnis, das dem kapitalistischen Produktionsprozess zunächst vorausgesetzt war, aus diesem Prozess als dessen eigenes Resultat wieder hervorgeht, da jene, die die Ware Arbeitskraft kaufen einen großen Teil des produzierten Mehrwerts wieder und wieder investieren (Marx nennt das Kapital „akkumulieren“) während jene, die ihre Ar­beits­kraft verkaufen in jeder neuen „Runde“ stets wieder nur ihre Arbeitskraft zu Verfügung haben:

„Es ist nicht mehr der Zufall, welcher Kapitalist und Arbeiter als Käufer und Ver­käufer einander auf dem Warenmarkt gegenüberstellt. Es ist die Zwickmühle des Prozesses selbst, die den einen stets als Verkäufer seiner Arbeitskraft auf den Waren­markt zurückschleudert und sein eignes Produkt stets in das Kaufmittel des andren verwandelt (…) Der kapitalistische Produktionsprozeß, im Zusammenhang betrachtet oder als Reproduktionsprozeß, produziert also nicht nur Ware, nicht nur Mehrwert, er produziert und reproduziert das Kapitalverhältnis selbst, auf der einen Seite den Kapitalisten, auf der andren den Lohnarbeiter.“ (MEW 23: 603f.)

Dass besagtes Klassenverhältnis – also EigentümerInnen von Produktionsmitteln einerseits und besitzlose aber rechtlich freie LohnarbeiterInnen andererseits - existiert, ist dabei keines­wegs „natürlich“ gegeben, sondern vielmehr Produkt einer ganz bestimmten histori­schen Ent­wicklung, die Marx im 24. Kapitel des ersten Kapital-Bands unter dem Titel „Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation“ beschreibt. Er zeigt, dass das Zustandekommen dieses Verhältnisses nicht auf dem Fleiß, dem Geschick und der Sparsamkeit der ersten KapitalistInnen, sondern auf einem Pro­zess der Enteignung der ProduzentInnen von ihren Produktionsmitteln, in dem „Eroberung, Unterjochung, Raubmord, kurz Gewalt die große Rolle“ gespielt haben, beruht (MEW 23: 742). Im dritten Band des Kapitals, wo Marx den „Gesamtprozeß der kapitalistischen Produktion“ analysiert, geht er noch einen Schritt weiter und zeigt, dass sich Klassen­zuge­hörigkeit keineswegs nur durch Eigentum oder Nicht-Eigentum von Produktionsmitteln de­fi­niert, sondern über die Stellung im Produktionsprozess. Auch ManagerInnen wären dem­nach KapitalistInnen, was am Beispiel der großen Aktiengesellschaften gezeigt wird, die keinem einzelnen Eigentümer mehr gehören:

„Die kapitalistische Produktion selbst hat es dahin gebracht, daß die Arbeit der Ober­leitung, ganz getrennt vom Kapitaleigentum, auf der Straße herumläuft. Es ist da­her nutzlos geworden, daß diese Arbeit der Oberleitung vom Kapitalisten ausgeübt wer­de.“ (MEW 25: 400)

So gesehen springt der Marx’sche Blickpunkt von einer strukturellen auf eine funktionale Position über: gewisse Handlungslogiken entwickeln sich zwar entlang der Trennlinie von Eigentum / Nicht-Eigentum an Produktionsmitteln. Aber die Wahl der Funktionsträger, für die diese Handlungslogiken sich zu Rollenanweisungen verdichten, muss sich nicht zwangsläufig an diese Grenze halten.  

Anhand dieser Erläuterungen zeigt sich auch, dass Marx einen relationalen Klassenbegriff verwendet. Klassen lassen sich demnach nicht isoliert voneinander definieren, sondern nur im Rahmen dieses, hier im Überblick beschriebenen, systemimmanent reproduzierten Antagonis­mus. Ohne Proletariat keine Bourgeoisie – ohne Bourgeoisie kein Proletariat. Dies ist auch ein wesentliches Unter­scheidungs­merkmal zu Klassenbegriffen aus weberianischer Tradition.(4)

In Bezug zum Bourdieu’schen Kapitalbegriff, den wir weiter unten erläutern werden, ist wichtig zu erwähnen, dass Kapital, obwohl scheinbar nur eine Sache, ein Ding, bei Marx ein gesellschaftliches Verhältnis impliziert: „Das Kapital ist offenbar (...) ein Produktionsverhältnis“ wie Marx in den „Grundrissen“ schreibt (MEW 42: 413).

Klasse in politischen Analysen

Oben haben wir darauf hingewiesen, dass das dichotome bzw. trichotome Klassenschema (wenn man Grundeigentümer berücksichtigt), welches Marx im Kapital verwendet in keinem Fall als konkrete Sozialstrukturanalyse der Gesellschaft verstanden werden darf. Obwohl sie die­­ Unterscheidung zwischen abstrakt-strukturellen oder –funktionalen und empirischen Klassen unglücklicherweise nicht explizit genug dargestellt hatten (und folglich Anlass zu vielen  Missverständnisse gaben) so waren sich Marx und Engels dieser doch sehr bewusst, und ver­wendeten in konkreten Analysen des Kapitalismus als politisches Herr­schafts­system selbst­­verständlich ein differenzierteres Klassenmodell (siehe dazu etwa Dorau 2005). So zum Beispiel in den Schriften  „Klassen­kämp­fe in Frankreich“ (MEW 7: 9-107)  oder im „achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte“ (MEW 8: 111-207).

Hier steht „Klas­se“ für ein konkretes historisches Produkt inner­­halb einer bestimmten Nation, innerhalb einer spezifischen historischen Zeitspanne (1848-1852). Neben Bourgeois (die ihrerseits wieder in verschiedene konkurrierende Fraktio­nen geteilt sind) und ProletarierInnen gibt es noch die Mittelklasse, die Bauern/Bäuer­innen oder das Lumpenprole­tariat. Klassen wer­den hier nicht ausschließlich über ihre Stellung im Pro­duktionsprozess analysiert; Mer­k­male wie Kultur, Lebensweise, Traditionen oder soziale Mobilität sind eben­falls wichtige Para­meter der Ana­lyse. Marx’ doppelte Verwendung des Klassenbegriffes kommt etwa in einem Zitat über die Par­zel­len­bauern, damals die zahlen­mäßig größte soziale Gruppe der französischen Gesell­schaft unmissverständlich zum Ausdruck:

„Insofern Millionen von Familien unter ökonomischen Existenzbedingungen leben, die ihre Lebensweise, ihre Interessen und ihre Bildung, von denen der andern Klassen trennen und ihnen feindlich gegenüberstellen, bilden sie eine Klasse. Insofern ein nur lokaler Zusammenhang unter den Parzellenbauern besteht, die Dieselbigkeit ihrer Interessen keine Gemeinsamkeit, keine nationale Verbindung und keine politische Organisation unter ihnen erzeugt, bilden sie keine Klasse.“ (MEW 8: 198)

Der Marx oft gemachte Vorwurf, dass er mit Blick auf Klassen nicht zwischen der Beobachter- und der Teilnehmerperspektive unterscheide, trifft offenbar nicht. „Objektive“ und „subjektive“ Klasse koextensiv zu machen ist ja gerade sein politisches Projekt und setzt insofern eine ursprüngliche Differenz voraus. Problematisch wird es allenfalls dort, wo der Übergang zwischen beidem nicht als möglicher, sondern als notwendiger aufgefasst wird (so z. B. im „Kommunistischen Manifest“, MEW 4, S. 470 – 472). (5)

Diese Feststellungen sind notwendig, um den Fallstricken der bürgerlichen Soziologie zu ent­kommen, die für gewöhnlich willkürlich Zitate von Marx zum Thema „Klasse“ auf­greift, aus dem Zusammenhang reißt und zu einer „marxistischen Klassen­theorie“ zusammenfügt, mit dem einzigen Zweck, diese postwendend für ihre „Vereinfachungen“ kritisieren zu kön­nen. Auf dieser Grundlage kann nun ein Vergleich mit Bourdieus Aussagen zu Klassen ge­zogen werden.

Kapital bei Bourdieu

Auch bei Bourdieu hängen Klassen- und Kapitalbegriff zusammen. Die Konstruktionsprinzipien des sozialen Raums (in welchem sich die Klassen bewegen) bilden bei ihm die verschiedenen Sorten von Macht oder Kapital (Bourdieu 1985: 10). Er unterscheidet hierbei in mehrere Kapitalsorten: Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital und symbolisches Kapital (wobei letzteres nur die wahrgenommene und gesellschaftlich anerkannte Form der drei anderen Sorten ist). Die jeweiligen Kapitalsorten sind unter bestimmten Bedingungen gegenseitig konvertibel. Primär ist das ökonomische Kapital (Bourdieu 1985: 11), es sei die „dominierende Kapitalform“ (Bourdieu 1997: 60) . Bourdieu hält sich allerdings nicht lange damit auf, die Genese des Kapitals zu erklären sondern beschäftigt sich hauptsächlich mit dessen ungleicher Distribution. „Eine ausgeführte Surplus- oder Kapitaltheorie – mit oder gegen Marx – findet sich trotz Bourdieus durchgängigen Hinweisen auf Kapital, Gewinn oder Profit so gut wie nicht.“ (Ritsert 1998: 112 zit. n. Schilcher 2001: 67). So konstatiert etwa Schilcher (2001: 66) in seiner Arbeit für Bourdieus Beitrag zur Sozialstrukturanalyse:

„Das Verfügen über Produktionsmittel, das in der marxistischen Theorie zentral für die Konstitution von Klassen ist und einen Erklärungsversuch für soziale Ungleichheit darstellt, wird von Bourdieu nicht aufgegriffen bzw. näher kommentiert. Ähnlich verhält es sich bei dem für die Marxsche Analyse so wichtigen Begriff der Ausbeutung. Bourdieu identifiziert zwar vereinzelt auch Klassenverhältnisse als Ausbeutungsverhältnisse, dies geschieht jedoch nicht selten in einem Nebensatz, ohne diesen Gedanken weiter zu erläutern.“

An einer der wenigen Stellen, wo er Hinweise auf  die Entstehung von Kapital gibt, meint er: „Kapital ist akkumulierte Arbeit, entweder in Form von Material oder in verinnerlichter, ,inkorporierter' Form.“ (Bourdieu 1997: 49). Nun, der Ausdruck „akkumulierte Arbeit“ wird sich in ähnlicher Form auch bei Marx finden lassen, der von „geronnener Arbeit“ spricht. Allerdings macht Bourdieu schon mit dem zweiten Teil des Satzes den ersten Unterschied zum Marx’schen Konzept auf. So kann etwa das kulturelle Kapital im inkorporierten Zustand (in Form dauerhafter Dispositionen des Organismus) , im objektivierten Zustand (kulturelle Güter wie Bilder, Bücher, Instrumente etc.) und schließlich im institutionalisiertem Zustand (vor allem Bildungstitel) auftreten (Bourdieu 1997: 53). Das soziale Kapital hingegen ist „… die Gesamtheit der aktuellen und potentiellen Ressourcen, die mit dem Besitz eines dauerhaften Netzes von mehr oder weniger institutionalisierten Beziehungen gegenseitigen Kennens oder Anerkennens verbunden sind; oder, anders ausgedrückt, es handelt sich dabei um Ressourcen, die auf der Zugehörigkeit zu einer Gruppe beruhen.“ (Bourdieu 1997: 63)

Für die Reproduktion von Sozialkapital sind demnach eine permanente Beziehungsarbeit, eine Pflege der persönlichen Kontakte bzw. sozialen Beziehungen notwendig. Hier zeigt sich be­reits ein Unterschied zum Marx’schen Begriff von Kapital, welches nur durch Ausbeutung fremder Arbeitskraft, und nicht bloß durch persönlichen Einsatz reproduziert und vermehrt werden kann. Als logische Konsequenz muss Bourdieu das Konzept des Antagonismus der Klassen durch jenes des Agonismus (also des „Wettkampfs“) ersetzen. Während es nämlich beim ökonomischen Gesamtprodukt einer Gesellschaft einleuchtet, dass dem / der einen nur das zusätzlich gegeben werden kann, was dem / der anderen weggenommen wird, ist dies bspw. für soziales Kapital, dessen gesellschaftlicher Gesamtumfang nach oben prinzipiell offen ist, überhaupt nicht einsichtig zu machen. Jemand kann in einer Wettbewerbssituation soziales Kapital gegen mich einsetzen, aber er / sie muss es dazu nicht von mir (noch überhaupt von irgendwem) nehmen. Was hier mit der unterschiedslosen Verwendung des Kapitalbegriffs  überspielt wird ist der Umstand, dass schon die fundamentalen Akkumulationsbedingungen des ökonomischen und des sozialen Kapitals grundverschieden sind.

Ein weiterer Unterschied zu Marx besteht darin, dass bei Bourdieu inkorporiertes Kapital nicht durch Schenkung, Vererbung, Kauf oder Tausch kurzfristig weitergegeben werden kann. (Bourdieu 1997: 56). Dieses könne nur längerfristig, beispielsweise im Prozess der Sozialisation des Kindes in einem bestimmten Bildungsmilieu übertragen werden. (ebd.: 58). Aber was ist das für ein Kapi­tal, welches nicht jederzeit weitergegeben werden kann? Der Kapitalismus zeichnet sich doch gerade dadurch aus, dass in ihm der freie Fluss von Kapital ständig möglich ist (und sein muss) – die Einheit von Produktions- und Zirkulationsprozess des Kapitals, wie Marx es nennt (MEW 24: 64). Andernfalls wäre es kein Kapitalismus sondern eine Art Feudalgesell­schaft.

Vergleich der Begriffe von Kapital bei Bourdieu und Marx

Um der Struktur und dem Funktionieren der sozialen Welt gerecht zu werden, müsse man den Kapitalbegriff „in allen seinen Erscheinungsformen“ einführen, „nicht nur in der aus der Wirtschaftstheorie bekannten Form“ (Bourdieu 1997: 50). Doch es entsteht der Eindruck, dass sein Kapitalbegriff jenem der etablierten Neoklassik viel ähnlicher ist, als dem Theoretiker lieb gewesen sein dürfte. Denn Kapital, das ist, anders als bei Marx, wo es ein Ausbeutungs­verhältnis darstellt, bei Bourdieu viel mehr eine Ressource, eine „Verfügung über bestimmte knappe Mittel, aber nicht als ein auf die gesellschaftliche Arbeit zurückgeführtes Verhältnis, das auf der Ausbeutung und Aneignung fremder Arbeit beruht“ (Herkommer 1996).

„Das Prinzip der primären, die Hauptklassen der Lebensbedingungen konstituierenden Unterschiede liegt im Gesamtvolumen des Kapitals als Summe aller effektiv auf­wendbaren Ressourcen und Machtpotentiale, (...).“ (Bourdieu 1982: 196, eigene Hervorhebung)

Deutlich wird das, wenn Bourdieu schreibt: „Kulturelle Güter können somit entweder zum Gegenstand materieller An­eignung werden; dies setzt ökonomisches Kapital voraus (…)“. Augenscheinlich braucht es zum Erwerb von Sachbüchern oder Nachschlagewerken Geld, doch Geld ist nicht automatisch Kapital. Zumin­dest nicht bei Marx, bei dem Geld erst im Produktionsprozess (der im Wesent­lichen ein Prozess der Aus­beutung von Mehrarbeit ist) in Kapital verwandelt wird. Geld, Bildung, Fähigkeiten oder Bezieh­ungen (soziales Kapital) sind zweifelsohne wichtig für das Empor­­kommen bzw. den Statuserhalt innerhalb der kapitalis­tischen Gesellschaft, aber es han­delt sich dabei im Wesent­lichen um Ressourcen die nützlich sei können oder nicht, nicht aber um Kapital im Marx’schen Sinne, welches dazu dient, Ar­beits­kraft als Ware einzukaufen um da­durch Mehrwert abzu­schöpfen.

Insofern halten wir es für irreführend, wenn davon gesprochen wird, Bourdieu habe den Marx’schen Kapitalbegriff erweitert. Denn seine „Erweiterung“ ist in Wirklichkeit eine Ver­engung des Kapitalbegriffs und zwar auf die Ebene der Distribution. Eine wei­tere Folge davon ist, dass nach einem solchen Kapitalbegriff praktisch alle oder zu­min­des­tens die meisten Menschen zu „KapitalistInnen“ werden, denn etwas Geld oder Bil­dung hat jede/r. Hinzu kommt, dass Bourdieu kaum theoretische noch historische Erklärungen für die Entstehung von Kapital liefert, stattdessen aber häufig von „Aneignung“ oder „Erwerb“ von Kapital spricht – als ob dieses einfach so vorhanden wäre (womit ihn Marx womöglich sogar eines fetischisierten, verdinglichenden Kapitalbegriffs bezichtigen würde) und nur angeeignet bzw. verteilt wer­den müsste. Sein Verständnis von Kapital ist daher keine Weiterführung, sondern eine Ent­­­führung des Marx’schen Kapitalbegriffs, ohne dass sich dieser dagegen hätte wehren können.

Das bedeutet allerdings nicht, dass man mit Bourdieus Kapitalbegriff – sofern man ihn klar definiert und gegenüber anderen, insbesondere dem Marx’schen Konzept abgrenzt – nicht sinn­voll sozial­wissen­schaftliche Fragestellungen beantworten kön­nte. Ganz im Gegenteil, tat­sächlich erweist er sich als höchst praktisches Werkzeug bei der Analyse konkreter soziolo­gischer Probleme. Bourdieu selbst meint, er habe den Begriff des kulturellen Kapitals ent­wickelt, da er sich als sinnvolle theoretische Hypothese bei der Er­klär­ung der schulischen Un­gleichheit verschiedenere sozialer Klassen angeboten habe (Bour­dieu 1997: 53).

Klasse bei Bourdieu

So wie Marx verwendet auch Bourdieu, jedenfalls seiner Intention nach, einen relationalen Klas­sen­begriff, der in seiner Unter­scheidung in Klassenstellung und Klassenlage zum Aus­druck kommt (Bourdieu 1970: 42). Der Begriff Klassenlage beschreibt hier die soziale Lage einer Klasse, die sich wiederum aus einer Reihe an sozioökonomischen Faktoren ergibt. Die ent­sprechende Klasse steht in diesem Sinn für sich. Stellung meint hingegen einen re­la­tio­na­len Begriff, d.h. wie steht eine Klasse in Relation zu anderen Klassen innerhalb einer gesell­schaftlichen Totalität.

„Den Begriff Sozialstruktur Ernst zu nehmen, heißt voraussetzen, daß jede soziale Klasse, da sie in einer historisch bedingten Sozialstruktur eine Stellung einnimmt, von ihren Beziehungen zu den anderen konstitutiven Teilen der Struktur derart berührt wird, daß sie diesen Positionseigenschaften verdankt, die von ihren rein immanenten Eigenschaften (…) relativ unabhängig sind“ (Bourdieu 1970: 42)

Nichtsdestotrotz wirf Bourdieu in Texten wie „Sozialer Raum und Klassen“ der „marxistischen Theorie“  Privilegierung der Substanzen, d.h. der realen Gruppen auf Kosten der Relationen vor. Des Weiteren setze „eine angemessene Theorie des sozialen Raums und der Klassen (…) einen Bruch mit mehreren Elementen der marxistischen Theorie voraus“ (Bourdieu 1985: 9). Dies betreffe einen Bruch mit dem Ökonomismus, dem Objektivismus sowie der „intellektualistischen Illusion“, die vom Wissenschaftler konstruierte Klasse bilde eine reale, oder gar mobilisierte Klasse.

„Objektive Klasse und mobilisierte Klasse dürfen nicht verwechselt werden. Bei letzterer handelt es sich um das Ensemble von Akteuren, die auf der Grundlage homogener vergegenständlichter oder inkorporierter Eigenschaften und Merkmale sich zusammengefunden haben zum Kampf um Bewahrung oder Änderung der Verteilungsstruktur der vergegenständlichten Eigenschaften.“(Bourdieu 1982: 175)

Doch was versteht er überhaupt unter „objektiven Klassen“? Bourdieu „präpariert“ die ob­jekti­ven Klassen im Sinne der Logik aus den Positionen heraus, welche die sozialen Akteure im sozialen Raum einnehmen. Diesen wiederum teil er in den Raum sozialer Positio­nen und den Raum der Lebensstile (Bourdieu 1982). Entlang der Kriterien Kapitalvolumen, Kapital­struktur und soziale Laufbahn konstruiert Bourdieu den Raum sozialer Positionen, welche sich wiederum zu Klassen zusammenfassen lassen. Das Gesamtvolumen des Kapitals ist primär für die Spaltung der Gesellschaft in Klas­sen verantwortlich. Die daraus erwach­senen einzelnen Klassen bilden wiederum keine homogenen Einheiten, sondern differenzieren sich entsprechend der Struktur der unter­schiedlichen „Kapitalsorten“ aus – also je nach dem rela­tiven Gewicht des ökonomischen, sozialen oder kulturellen Kapitals (9). Mit dem Begriff der so­zia­len Laufbahn versucht Bourdieu den Umstand zu berücksichtigen, ob sich eine be­stim­mte Klasse oder Klassenfraktion eher in sozialem Aufstieg oder Abstieg befindet. Die ver­­schie­denen, bezüglich Kapitalvolumen und –struktur unterschiedlich ausgestatteten so­zia­len (be­ruf­­lichen) Positionen lassen sich nun zu drei großen Klassen zusammenfassen (Schwingel 1998: 106):

1.    die herrschende Klasse, die sich ihrerseits aus zwei Hauptfraktionen zusammensetzt:
a)    die über großes ökonomisches Kapital verfügende Wirtschaftselite (die Großunternehmer) als den eigentlichen dominanten HerrschaftsträgerInnen.
b)    die über großes institutionalisiertes und symbolträchtiges Kulturkapital verfügende Bildungselite (die Großintellektuellen) als von den eigentlichen Herrschaftsträgern instrumentalisierte „dominierte Fraktion“ der Herrschenden.
2.    die Mittelklasse mit ihren Fraktionen des absteigenden, exekutiven und neuen Kleinbürgertums, in deren Binnenraum die Mobilitätsprozesse (nach unten und oben) am ausgeprägtesten sind
3.    die Klasse der Subalternen, bzw. die Volksklasse der so genannten kleinen Leute

Allerdings beansprucht Bourdieus Modell nicht Allgemeingültigkeit, sondern ist primär aus der französischen Gesellschaft der 60er und 70er Jahre abgeleitet. Wenn sich Klassen jedoch im Prinzip aus ähnlichem Volumen und Struktur des Kapitals (was bei Bourdieu, wie gezeigt wurde, im Wesentlichen Ressourcen meint) von Clustern an Menschen ableiten und zusam­men­fassen lassen, dann stellt sich doch auch die Frage, ob es nach dem Bourdieu’schen Sche­ma nicht beliebig viele Klassen geben könnte – schließlich sind ja beliebig viele Kombi­natio­nen aus Kapitalvolumen und Kapitalstruktur denkbar. Eine Problematik, mit der letzt­endlich ein jedes Modell sozialer Schichtung konfrontiert ist, denn die Entscheidung, ab welchem quanti­­tativen Wert eines bestimmten Kriteriums ein Individuum nun zu dieser oder jener Klas­se gehört, muss immer ein letztes Quantum an Willkür beinhalten (sofern man die Frage, was als Klasse zu verstehen ist, nicht ganz in die Teilnehmerperspektive verschiebt).

Zum (empirischen) Ausdruck kommen die Klassen nach Bourdieu aber hauptsächlich im Raum der Lebens­­­­­­stile, der sich homolog zum Raum der sozialen Positionen aufgrund differ­en­tiel­­ler Prakti­ken und gewählter Objekte der Lebensführung bildet. Und so „bietet sich Ge­schmack als bevor­zugtes Merkmal von ´Klasse´ an“ (Bourdieu 1982: 18). Geschmack wieder­um ist je­doch keinesfalls eine zufällige Kategorie, sondern resultiert gerade wieder aus der Sozial­­struk­tur der Individuen. Er ist inkorporierte Kultur, „Körper gewordene Klasse“ (ebd. 307). Die Verknüpfung zwischen Struktur- und Handlungsebene, die von vielen Autor­Innen als zentraler Beitrag Bourdieus zur Klassendiskussion gesehen wird (vgl. Krais et. al. 2002: 36) stellt Bour­dieu über das Konzept des Habitus her. Dieser ist als „System dauer­haf­ter und über­trag­barer Dispositionen“, die als „Erzeugungs- und Ordnungsgrundlage für Prak­tiken und Vor­stellungen“ fungieren zu verstehen (Bourdieu 1987: 98). Er ist eine struk­turierende und strukturierte Struktur (Bourdieu 1982: 279), die sich im Rahmen der Inkorporierung äußerer gesell­­schaftlicher Be­din­gun­gen her­aus­bildet – und diese wiederum mit beeinflusst. Mit dem Habitus-Konzept erklärt Bourdieu unter anderem, wie sich Formen sozialer Unterdrückung wie etwa Sexismus so lange halten können, was damit zusammenhängt, dass diese Herr­schafts­verhältnisse auch im Habitus der Unterdrückten eingeschrieben sind.

Wenn jedoch Bourdieu Marx vorwirft, das Rationale über zu betonen, so ist daran zu erinnern, dass auch Marx Konzepte (wenn auch vielleicht nicht so ausgearbeitete) ent­wickelt hat, mit denen etwa erklärt werden kann, warum ArbeiterInnen oftmals ein kon­servatives Bewusstsein haben und nicht gegen den Ka­pi­­talismus rebellieren (Ideologie, Fetisch). Insofern stellt die Habitus-Theorie in analytischer Hinsicht nicht unbedingt die Neuerung dar; wirklich bereichernd sind die empirischen Untersuchungen, die Bourdieu in deren Rahmen gemacht hat.

Allerdings, und Bourdieu wird nicht müde dies zu betonen, existieren die Klassen innerhalb des sozialen Raums lediglich als konstruierte, „theoretische Klassen“. Objektiv vorhanden sind sie lediglich in dem Sinne, als das sie von TheoretikerInnen nach einem gewissen Klassifizierungsschema zu Papier gebracht werden. Dies ist auch der Grund, warum Bourdieu den Begriff des „Herauspräparierens“ verwendet, schließlich haben seine „objektiven Klassen“ viel gemeinsam mit den „Klassen“ der ZoologInnen und BotanikerInnen.(10)

Darüber hinaus, so Bourdieu, ist die Klassentheorie mit dem Umstand konfrontiert, dass Klas­sen nicht allein aus der objektiven Situation heraus zu analysieren sind, sondern zu einem wichtigen Teil erst durch Klassifizierungen „geschaffen“ werden, welche die Individuen, die eine Klas­se bilden selbst vornehmen. Die sozialen AkteurInnen konstruieren selbst permanent ihre Wirklichkeit:

„Eine soziale Klasse lässt sich niemals allein aus ihrer Lage und Stellung innerhalb einer gesellschaftlichen Struktur, d.h. aus den Beziehungen bestimmen, die sie ob­jek­tiv zu anderen Klassen der Gesellschaft unterhält. Eine Reihe ihrer Eigenschaften ver­d­ankt sie nämlich dem Umstand, dass die Individuen, die diese Klasse bilden, ab­sicht­lich oder ohne es zu merken in symbolische Beziehungen zueinander tre­ten.“ (Bourdieu 1970: S.57).

Obwohl sie gleichsam Ergebnis von Kämpfen zwischen den Klassen sind und von den je­weiligen Kräfteverhältnissen abhängen, so tragen die Kämpfe um Rangordnungen und Klas­si­fi­­kationen zum Bestand der Klassen bei:

„Die Klassifikations- und Ordnungssysteme bildeten keine derart hart umkämpften Streitobjekte, trügen sie nicht bei zum Bestand der Klassen, indem sie mittels der entsprechend dem Ordnungssystem strukturierenden Vorstellungen die Wirksamkeit der objektiven Mechanismen noch verstärken.“ (Bourdieu 1982: 749)

Bourdieu bezeichnet diese Auseinandersetzungen als „symbolische Kämpfe“ (Marx würde wohl vom „ideologischen Klassenkampf“ sprechen). Wenn er diese gegen­über ökonomischen Kämpfen stark überschätzt so rührt dies von seinem Nicht-Auseinander -halten (-Können) der verschiedenen Untersuchungsebenen her. Indem ökonomische Ausbeutung und soziale/kulturelle Unterdrückung bei ihm in einen Topf geworfen werden, kommt als Ergebnis ein (mehr oder weniger) beliebiger Verteilungskampf um Ressourcen heraus. (11)

Vergleich der Begriffe von Klasse bei Bourdieu und Marx

Die oben skizzierte, zumeist implizite Unterscheidung in einen theoretischen, strukturellen und einen empirisch-soziologischen Klassenbegriff bei Marx, was einer Unterscheidung in eine abstrakt-theore­tische und eine konkret-historische Analyseebene entspricht ist bei Bour­dieu nicht an­gelegt. Gegenüber Marx betont er, dass eine theoretisch konstruierte Klasse „keine reale, effek­­ti­ve Klasse im Sinne einer kampfbereiten Gruppe [bildet]; sie ist, streng genommen, le­dig­lich eine wahrscheinliche Klasse, d.h. eine Gesamtheit von Akteuren, deren Mobili­sier­ung im Ver­hältnis zu jeder anderen nur weniger objektive Schwierigkeiten berei­tet.“ (Bourdieu 1985: 12) Die „objektivistischen Herangehensweise“ der „marxistischen Tradition“ würde die „kons­truierte Klasse“ und die „reale Klasse“ entweder gleichsetzen, „oder sie macht die Un­ter­scheidung, in Gestalt des Gegensatzes von ‚Klasse an sich“, die auf einem Komplex ob­jektiver Bedingungen beruht, und der auf subjektiven Faktoren basierenden ‚Klasse für sich“, und beschreibt dann den Übergang der einen in die andere.“ (Bourdieu 1985: 14). Ein­mal würde dieser Prozess deterministisch, ein anderes Mal voluntaristisch be­schrieben. Dass beispielsweise das Konzept der objektiven Interessen ebenso wie Bourdieus Habitus-Theorie die Ebenen von Struktur und Individuum miteinander verhängen kann, ohne die eine oder andere Seite zu verabsolutieren, gerät dabei etwas aus dem Blick. Und schon gar, dass Marx, wenn er verschiedenenorts „Mystifikationen“ aufdeckt, indem er den Zusammenhang von Handlungssituation und Vorstellungswelt aufzeigt, Bourdieus eigenen „praxeologischen“ Ansatz vorweggenommen hat.

Oben wurde darauf hingewiesen, dass Bourdieu in besagtem Text von der „marxistischen Tradition“ spricht und Marx nicht direkt kritisiert. Nun ist es natürlich immer leicht, eine nicht näher festgemachte Strömung zu kritisieren – noch dazu, mit den beiden einander wi­der­sprechenden Vorwürfen des Voluntarismus und des Determinismus –, ohne auf konkrete Ver­treterInnen derselben einzu­gehen. Den üblichen Regeln des akademischen Betriebs entspricht es allerdings nicht. Wie viele Intellektuelle und SozialwissenschaftlerInnen kritisiert Bourdieu einen „Marxismus“, der zum Teil auf einer verkürzten und verzerrten Marx-Interpretation des theoretischen Mainstreams der sozialdemokratischen Internationale vor dem Zweiten Welt­­krieg und vor allem auf der „Marxo­logie“ in den Ländern des „real existierenden Sozialis­mus“, den wir hier lieber als Stalinismus bezeichnen möchten, basiert. Dies ist natürlich ver­ständ­lich, wenn man bedenkt, dass die „marxistische Tradition“ im intellektuellen Umfeld Bourdieus haupt­­sächlich von der Kommunistischen Partei Frankreichs geprägt wurde. Jener Partei also, die bis weit in die 50er Jahre Stalins Terrorregime bedingungslos unterstützt, 1968 die rebel­lieren­den StudentInnen denunziert sowie die streikenden ArbeiterInnen demo­bili­siert hatte und ihre Realpolitik stets mit irgendwelchen Verweisen auf Marx oder Lenin zu recht­fertigen versuchte. Richtiger wird Bourdieus Herangehensweise dadurch allerdings nicht.

Bourdieu stellt richtigerweise fest, dass in marxistischen Debatten die üblicherweise die Unter­scheidung von Klasse an sich und Klasse für sich getroffen wird – eine Unterscheidung, die in gewisser Weise auch bei Bourdieus Trennung von objektiver und mobilisierter Klasse,  angelegt ist (wenn auch nicht gleichbedeutend!). Was nicht einmal die meisten MarxistInnen wissen, ist, dass Marx selbst diese Begriffe, jedenfalls den Aus­druck „Klasse an sich“, so nie verwendet hat. Allerdings hat er, etwa im „Elend der Philo­sophie“ Überlegungen in diese Richtung angestellt:

 „Die ökonomischen Verhältnisse haben zuerst die Masse der Bevölkerung in Arbeiter verwandelt. Die Herrschaft des Kapitals hat für diese Masse eine gemeinsame Situa­tion, gemeinsame Interessen geschaffen. So ist diese Masse bereits eine Klasse gegen­über dem Kapital, aber noch nicht für sich selbst. In dem Kampf (...) findet sich diese Masse zusammen, konstituiert sie sich als Klasse für sich selbst.“ (MEW 4: 180f.)

Auf jeden Fall gibt es bei Marx keinerlei Hinweis darauf, dass er in substantialistischer Art und Weise von Klassen als automatisch „kampfbereiten Gruppen“ ausgeht. Was es gibt, sind Pas­sagen in Werken wie dem „Manifest der Kommunistische Partei“ mit sehr starken teleo­logischen Elementen im Sinne des von Bourdieu kritisierten deterministischen Übergangs von der „Klasse an sich“ zur „Klasse für sich“. Doch hier muss einerseits der agitatorische Cha­rak­ter des „Manifests“ berücksichtigt und andererseits darauf verwiesen werden, dass Marx seine Theorien und Konzepte nach 1847 noch wesentlich weiterentwickelte.

Ein weiterer Kritikpunkt Bourdieus ist die von ihm postulierte, aus dem Ökonomismus zu­rück­zuführende Unzulänglichkeit der marxisti­schen Klassentheorie und ihre daraus resul­tier­en­de Unfähigkeit den gesellschaftlichen Differen­zen in ihrer Gesamtheit gerecht zu wer­den …

„indem sie die soziale Welt auf das Feld des Ökonomischen reduziert, die soziale Position zwangsläufig nur noch unter Bezugnahme auf die Stellung innerhalb der ökonomischen Produktionsverhältnisse zu bestimmen vermag, damit die jeweilige Position in den übrigen Feldern und Teilfeldern, insbesondere den kulturellen Positions­verhältnissen, unter den Tisch fallen läßt, ebenso wie alle anderen, das sozia­le Feld strukturierenden (...) Gegensätze“ (Bourdieu 1985: 31).

In Wirklichkeit, so Bourdieu, wäre „der soziale Raum mehrdimensional, ein offener Komplex re­lativ autonomer, das heißt aber auch: in mehr oder minder großem Umfang in ihrer Fun­k­tions­­weise wie in ihrem Entwicklungsverlauf dem ökonomischen Produktionsfeld unter­ge­ordneter Felder.“ (Bourdieu 1985: 32). Tatsächlich ist das aber nichts anderes, als das was Engels in seinem bekannten Brief an Bloch ausdrückt, wenn er von der Ökonomie als dem „in letzter In­stanz bestimmende[n] Moment in der Geschichte“ spricht (MEW 37: 463). (12) Erst die sozial­demokratischen und stalinistischen Zerrbilder des Marxismus verwandelten den histori­schen Materialis­mus in eine plumpe Auffassung, wonach jede politische Entwicklung nur eine Wider­spiegelung einer ent­sprechenden ökonomischen Entwicklung sei.

Wie oben bereits am Beispiel des Kapitalbegriffs beschrieben, geht es Marx in erster Linie um die theoretische Herleitung von antagonistischen Klassen aus den Produktionsverhältnissen; es geht darum, zu zeigen, dass die Klassen ihren Ursprung und ihre Begründung in den gesellschaftlichen Produktionsverhältnissen haben. Daraus ergibt sich keineswegs, dass jedes soziale Phänomen allein mit ökonomischen Variablen erklärt werden kann. Wenn Bourdieu etwa konstatiert, dass Einkommen nicht alles erklären kann und dies am Beispiel des unterschiedlichen Ge­schmacks von industriellen VorarbeiterInnen und unteren Angestellten im Frankreich seiner Zeit zeigt, welche damals annähernd dasselbe verdienten (Bourdieu 1982: 289), so wird ihm jedeR vernünftige MarxistIn zustimmen. Das Beispiel zeigt jedenfalls, dass es gerade in der Klassendiskussion hochnotwendig ist, zwischen den verschiedenen Analyseebenen (zwi­schen sehr konkret und sehr abstrakt) zu differenzieren.

Wie wir versucht haben zu zeigen, bestimmt Marx in seinen politischen Kommentaren soziale Klas­­sen nicht ausschließlich „unter Bezugnahme auf die Stellung innerhalb der ökonomischen Pro­duktionsverhältnisse“, wenn auch dies sein Ausgangspunkt ist. Dies wäre anders ja gar nicht praktikabel, schließlich steht in kapitalistischen Gesellschaften ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung (RentnerInnen, Jugendliche in Ausbildung, Hausfrauen und –männer etc.) überhaupt nicht innerhalb des Produktionsprozesses.

Fazit

Marx und Bourdieu vertreten unterschiedliche Anliegen. Bourdieu geht es hauptsächlich darum, das Ver­halten, die Chancen, die Ungleichheit usw. sozialer Klassen auf einer sehr konkreten em­piri­schen Ebene zu erklären. So kann er zum Beispiel den Beitrag aufzeigen, „den das Er­ziehungs­system zur Reproduktion der So­zial­struktur leistet, indem es die Verer­bung von kul­turellem Ka­pital sanktio­niert.“ (Bourdieu 1997: 55). Hier geht es allerdings um Re­produktion auf einer gänzlich an­der­en Analyseebene, als jener, auf der sich Marx in seinen ökonomischen Untersuchungen, etwa im „Kapital“ bewegt. Warum wählt die Toch­ter des Germanistik-Professors ein geisteswissen­schaftliches Studium, während der Sohn des In­genieurs eine technische Ausbildung anstrebt und die Kinder der Arbeiter­Innen­familie „zu­fällig“ wieder Lehrberufe ausüben – obwohl sie in der Schule womöglich gar nicht so schlecht waren? Da er jedoch Klassenverhältnisse nur sehr bedingt als Ausbeu­tungs­ver­hältnisse identifiziert und über keine ausgeführte Surplus- und Kapitaltheorie verfügt, muss er auf dieser Ebene stehen bleiben. Daraus ergibt sich zwar nicht zwangsläufig, aber doch durchaus logisch, dass Bourdieu – im Gegensatz zu Marx – für die Überwindung sozialer Un­gleichheiten sehr reformistische, systemimmanente Lösungsvorschläge anbietet (siehe z.B. sei­ne Vorschläge für eine „rationale Pädagogik“ zur Überwindung der Ungleichheiten im Bil­dungssektor).

Marx hingegen kann und will mit seinem strukturellen Klassenbegriff soziale Phäno­mene in dieser Detailliertheit nicht erklären, dafür aber zeigt er, wie sich das Kapital­verhältnis, dass „auf der einen Seite den Kapitalisten, auf der andren den Lohnar­beiter“, d.h. auf der einen Seite immer wieder KapitalistInnen, auf der anderen Seite immer wieder Lohn­arbeiterInnen produziert, grundsätzlich reproduziert (ohne dabei übrigens die Möglichkeit vereinzelter sozialer Aufwärtsmobilität auszuschließen. Wichtig ist nur, dass sich die Klasse der Lohnabhängigen als ganze reproduziert, da sie unter kapitalistischen Vorzeichen Produktionsvoraussetzung ist). Mit ihrer Kritik der politischen Ökono­mie begründen Marx und Engels somit auch ein revolutions-theoretisches Programm. Aus der Funk­tionsbestimmung der ineinander verschränkten Formen der Ware und des Privat­eigentums als Elementarformen der kapitalistischen Klassengesellschaft können sie begrün­den, dass ohne die Aufhebung des Privateigentums an Produktionsmitteln als der grundlegen­den Bedingung des Klassengegensatzes die Ökonomie des Kapitals bestehen bleibt. Oder einfacher ausgedrückt: Solange es Kapitalakkumulation gibt, wird es immer eine Ar­beiter­Innen­­klasse geben (müssen).

 

Verwendete Literatur

Bourdieu, Pierre (1997): Die verborgenen Mechanismen der Macht, Hamburg: VSA

Bourdieu, Pierre (1987): Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft. Frankfurt a. M.:

Suhrkamp

Bourdieu, Pierre (1985): Sozialer Raum und Klassen. Leçon sur la leçon. Zwei Vorlesungen,. Frankfurt: Suhrkamp

Bourdieu, Pierre (1982): Die feinen Unterschiede, Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt/Main: Suhrkamp

Bourdieu, Pierre (1970): Zur Soziologie der symbolischen Formen, Frankfurt: Suhrkamp

Dorau, Ralf (2005): Klassentheorie und Klassenanalyse, in: Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung, Nr. 63, September 2005

Hecker, Rolf (1999): Die Entstehungs-, Überlieferungs- und Editionsgeschichte der ökonomischen Manuskripte und des „Kapital“. In: Elmar Altvater / Rolf Hecker / Michael Heinrich / Petra Schaper-Rinkel: Kapital.doc. Das Kapital (Bd. 1) von Marx in Schaubildern mit Kommentaren. Münster, S. 221 – 242,

Heinrich, Michael (2005): Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung, Stuttgart: Schmetterling Verlag

Herkommer, Sebastian (1996): Veränderungen in der Klassenstruktur Europas. Empirische Daten, theoretische Diskussion, verfügbar unter: http://www.rote-ruhr-uni.com/cms/Veranderungen-in-der.html, zuletzt abgerufen am 29.01.2009

Krais, Beate; Gebauer, Gunter (2002): Habitus, Bielefeld: transcript Verlag

Marx, Karl (1960): Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, in: MEW Bd. 8, Berlin/Ost: Dietz

Marx, Karl (1962, 1963, 1994): Das Kapital, in: MEW Bd. 23, 24, 25, Berlin/Ost: Dietz

Marx, Karl; Engels, Friedrich (1972): Manifest der Kommunistischen Partei, in: MEW, Bd. 4, Berlin/Ost: Dietz

Marx, Karl (1972): Das Elend der Philosophie, in: MEW, Bd. 4, a.a.O.

Schilcher, Christian (2001): Der Beitrag von Pierre Bourdieu zur Sozialstrukturanalyse der gegenwärtigen Gesellschaften, Diplomarbeit im Fach Soziologie am Institut für Soziologie FB 2, TU-Darmstadt, vorgelegt im Januar 2001

Schwingel, Markus (1998): Bourdieu zur Einführung, Hamburg: Junius

Weininger, Elliot B. (2005): Foundations of Pierre Bourdieu’s Class Analysis. In: Erik Olin Wright (Hrsg.): Approaches to Class Analysis. Cambridge. S. 82 – 118



Fußnoten:

[1] Vgl. dazu Rolf Hecker, Die Entstehungs-, Überlieferungs- und Editionsgeschichte der ökonomischen Manuskripte und des „Kapital“. In: Elmar Altvater / Rolf Hecker / Michael Heinrich / Petra Schaper-Rinkel_ Kapital.doc. Münster 1999, S. 221 – 242, insbesondere die Übersichtsdarstellung auf S. 225.

[2] En passant und das wird dabei eigentlich fast immer überlesen (so auch von Bourdieu): damit ist bereits gesagt, dass Personen sich nicht in der Eigenschaft erschöpfen, Träger solcher Kategorien zu sein. Dies berücksichtigt wären Ökonomismus-Vorwürfe wohl grundsätzlich vom Tisch, da sie so ja bloss die – in ihrer Legitimität ja schwerlich zu bestreitende – Eingrenzung des Untersuchungsgegenstandes treffen könnten.

[3] Wobei nicht etwa im Sinne eines polaren Gegensatzes G = Geld und G’ = Kapital. Das Verhältnis ist etwas komplizierter, da Geld in dem Augenblick, in dem es auf Verwertung hin funktional wird, als „Kapital an sich“ konstituiert ist ohne dadurch aufzuhören, Geld zu sein: „Geld, das in seiner Bewegung diese letztre Zirkulation beschreibt [G – W - G’], verwandelt sich in Kapital, wird Kapital und ist schon seiner Bestimmung nach Kapital.“ MEW 23, S. 162.

[4] Dazu ein Wort: dass Weber zur Gründungsfigur einer nicht-marxistischen Traditionslinie der Klassentheorie geworden ist, würde ihn selber wohl bass erstaunt haben, da er dem Klassenbegriff nur etwas über ein Dutzend Seiten seines gewichtigen, postum erschienen Werks „Wirtschaft und Gesellschaft“ gewidmet hat. Man darf vielleicht als Verdacht formulieren: im Feld der Wissenschaft wird eine Theorie nicht nur nach dem Code „wahr / unwahr“ bewahrt, erweitert, gepflegt oder verworfen, sondern auch entlang der Demarkationslinie „erwünscht / unerwünscht“. Eine Alternative zur Marxschen Klassentheorie war erwünscht in dem Masse, dass man ein paar flüchtige – wenn auch im Hinblick auf die Unterscheidung Klasse / Stand nicht uninteressante - Notizen Webers zum großen Gegenentwurf geadelt hat.

[5] Es sei aber noch einmal nachdrücklich  an die politische Komponente von Marx’ Schriften erinnert. Es spricht zwar grundsätzlich nichts dagegen, eine politische Kampfschrift wie das „Manifest“ unter dem Gesichtspunkt seiner wissenschaftlichen Haltbarkeit zu analysieren, nur sollte man dabei schon präsent halten, dass man damit eine inkongruente Perspektive wählt und damit Ziele wie z. B. Identitätsstiftung von vorneherein abblendet.

[6] In späteren Werken hat Bourdieu diese Vorstellung von einem Primat der Ökonomie übrigens zugunsten eines „symmetrischen“ Konzepts verschiedener Faktoren sozialer Ungleichheit aufgegeben, so zum Beispiel in „Die männliche Herrschaft“. Vgl. dazu Elliot B. Weininger: Foundations of Pierre Bourdieu’s Class Analysis. In: Erik Olin Wright (Hrsg.): Approaches to Class Analysis. Hier: S. 110 – 113.

[7] Damit stellt sich Bourdieu in ökonomischer Hinsicht in die weberianische Tradition, die auch seltene Fertigkeiten, die auf dem Markt Verhandlungsmacht verleihen, als Kapital verstanden wissen will. Wenn man die Linien auszieht, ist es von da aus kein besonders grosser Schritt mehr zur Humankapitaltheorie, ihren rationalen Bildungsentscheidungen und Bildungsrenditen.

[8] In besagtem Text spricht er in weiterer Folge interessanterweise nicht mehr von der „marxistischen Theorie“ sondern von der „marxistischen Tradition“. Es ist also anzunehmen, dass Bourdieu hier nicht die Theorien von Marx meint, sondern TheoretikerInnen (welche?), die sich auf ihn beziehen.

[9] Wobei Bourdieu – vermutlich aus theoriebautechnischen Gründen – normalerweise das soziale Kapital außen vor lässt, wenn er den sozialen Raum konstruiert.

[10] Auch diese klassifizieren konkrete Lebewesen schließlich in Klassen. Es gibt dann beispielsweise Groß­katzen oder Nagetiere, empirisch beobachten kann man aber keine Großkatze, sondern nur ein konkretes Tier.

[11] Die Kritik an Bourdieus Ungenauigkeit bei der Differenzierung der verschiedenen Untersuchungsebenen zielt wohlgemerkt nicht darauf ab, die Bedeutung der symbolischen Kämpfe zu schmälern. Deren Bedeutung im politischen Kampf ist eine ganz zentrale.

[12] Engels schreibt: „Nach materialistischer Geschichtsauffassung ist das in letzter Instanz bestimmende Moment in der Geschichte die Produktion und Reproduktion des wirklichen Lebens. Mehr hat weder Marx noch ich je behauptet. Wenn nun jemand das dahin verdreht, das ökonomische Moment sei das einzig bestimmende, so verwandelt er jenen Satz in eine nichtssagende, abstrakte, absurde Phrase.“

 

 

 

 

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