Am Vorabend des 1. Dezembers gab es eine neue Hauptversammlung der Gelbwesten. Mindestens 200 Leute waren in einem Saal vorhanden, der von der Stadtgemeinde zur Verfügung gestellt wurde. Es wurde über die Bewegung diskutiert, ihre Perspektiven: Warum wird mobilisiert und wie organisiert man sich konkret.

Die Zusammensetzung der an der Versammlung Teilnehmenden besteht nach wie vor mehrheitlich aus Menschen aus den arbeitenden Klassen. Rentner, ein Arbeiter aus der Glasindustrie, eine Sozialarbeiterin, eine Arbeitslose haben (unter anderen) das Wort ergriffen…

Als Einleitung haben sich die « Veranstalter », also die Gruppe der acht bei der letzten Versammlung Gewählten, einer nach derm anderen, vorgestellt. Ein Eisenbahner stellt sich als « Bahnarbeiter » vor, der vor dem Sommer gestreikt hat. Man hört ihm freundlich zu. Er erklärt, warum er und andere Arbeitskollegen an der Gelbwestenbewegung teilnehmen und spricht von dem, was sie in ihrem Arbeitsbereich zu tun versuchten, die Bildung eines Demonstrationszuges auf den Champs-Elysées, die Vorbereitung des nächsten Tages, usw.

Einer erinnert daran, dass eine der Gelbwesten, die am Nachmittag vom ersten Minister Edouard Philippe empfangen wurden, schon nach zwanzig Minuten weggegangen war, denn er verlangte, dass man die Unterhaltung filmt, während er von dem Generalstreik von 2009 über die Löhne auf Guadeloupe spricht : Dieser Generalstreik hatte so wie jetzt hier angefangen. Vor allem gefällt es den Zuhörern besonders gut, wenn der Eisenbahner von der Kontrolle an der Basis, der « Selbstorganisation » spricht.

Dann melden sich mehrere Male Gewerkschaftler oder Ex-Gewerkschaftler zu Wort und sie sprechen von interessanten Dingen. Vor allem ein Arbeiter, der in einer Glasfabrik beschäftigt ist, sagt, das Problem sei die Unternehmerorganisation Medef. Ein anderer erklärt, man müsse die Zugänge zu den Supermärkten blockieren, um Mulliez, den Boss der Supermarktkette Auchan) anzugreifen. Die Diskussionen drehen sich um die Gewerkschaften und Parteien : Die Haltung ist manchmal sehr « feindlich » ; (wegen dieser feindlichen Haltung haben zwei Krankenhaus-Aktivisten der CGT den Raum verlassen).Es gab aber auch echte Diskussionen über den Unterschied zwischen den Gewerkschaftsführungen und den Aktivisten an der Basis.

Auf dieser Hauptversammlung war die Stimmung deutlich mehr von Vertretern der arbeitenden Schichten geprägt als auf der vorherigen Versammlung. Übrigens : Diejenigen, von den man wuBte, dass sie FN-Anhänger sind, haben ganz und gar geschwiegen. Natürlich ist alles sehr kompliziert und für die linksextremen Aktivisten ist es so, als würden sie auf Eiern laufen. Aber die Leute verhalten sich nicht feindlich gegenüber den gewerkschaftlichen oder politischen Aktivisten, unter der Bedingung, dass sie ihre gewerkschaftliche oder politische Zugehörigkeit ganz verschweigen und als « Staatsbürger » sprechen. Aber wer als Arbeiter und Arbeiterin das Wort ergreift, hat kein Problem.

Alles in allem war diese Hauptversammlung eher erfolgreich, auch für die Teilnehmer, auch wenn einige unter ihnen sagten, man habe zuviel von den Gewerkschaften, den Parteien, usw. gesprochen. Am Ende der Hauptversammlung wurde mit einem Arbeiter aus einem Transportunternehmen, einer Krankenpflegerin, einer arbeitslosen Sekretärin, einem nach einer Arbeit suchenden Angestellten aus der Optikbranche, einem VTC (Fahrzeugführer für Touristen), einem Studenten und einer Angestellten aus dem Medizinbereich diskutiert. Alle haben sich für die Diskussion interessiert und sie wollen sich organisieren, wobei jeder « die eigenen Fähigkeiten » mitbringt. Der Streik wird nicht als ein Mittel betrachtet, das man benutzen kann. Die Krankenpflegerin spricht von den Stellenstreichungen, von den Misshandlungen in Krankenhäusern. Eine andere Person hätte sich gern zu Wort gemeldet, um von den fremdenfeindlichen Äußerungen zu sprechen, mit denen sie auf den Facebook-Seiten der Gelbwesten konfrontiert wurde… Diskussion über folgende Forderungen : Steuersenkungen oder Lohnerhöhungen…

Am Ende der Hauptversammlung gibt es Diskussionen zwischen Arbeitern, die zum ersten Mal aktiv an einer Bewegung teilnehmen. Aber sie sind sehr wütend. Eine Frau, die ältere Menschen in ihrem Hause betreut, sagt, sie sei Revolutionärin und habe für Melanchon gestimmt. Jemand sagt, er habe für einen Arbeiter gestimmt und sie antwortet : « Ah ja, Poutou. Ich habe gezögert, aber er ist sehr gut. Er müsste uns vertreten ». Ein Arbeiter aus der Glasindustrie erzählt von allem, was er in seiner Glasfabrik erlebt hat und von den betrügerischen Manövern der Gewerkschaften, denen er zum Opfer fiel. Eines folgt dem anderen ; man tauscht Telefonnummern.

 

Aus dem Französischen, erschienen in der Zeitung unserer französischen GenossInnen "convergences révolutionnaires"

2. Dezember 2018