Liebe KlassenkämpferInnen, liebe Klassenkämpfer, zu ihrer Linken in den roten Dressen die ArbeiterInnenklasse Südafrikas, zu ihrer Rechten die nationale Bourgeoisie sowie internationale Konzerne. Der WM-Boom in den Medien verklärt den Blick auf Südafrika, ein Land mit einer langen Geschichte, geprägt von Fremdherrschaft und Apartheid. Hier wenden wir uns den Arbeitskämpfen, dem Aufschrei einer international unterdrückten Klasse zu.

Hintergrund: Soziale Situation und Politik Südafrikas

Die infrastrukturellen Arbeiten für die WM waren Auslöser für massenhaft Proteste der arbeitenden Bevölkerung und zeigten die prekären sozialen Umstände in Südafrika auf. In den bürgerlichen Medien wird das Land hochgelobt angesichts seiner Funktion als Motor der kapitalistischen Entwicklung in Afrika südlich der Sahara. Bei näherer Betrachtung stellt sich Südafrika als Vorzeigebild für neoliberale Strategien dar, das ganze Land ist geprägt von massiver sozialer Ungleichheit.

Auch der jahrzehntelange Kampf für die Gleichberechtigung aller Menschen in Südafrika endete mit einem lahmen „Kompromiss“ auf dem Rücken der unterdrückten Massen. Das Ziel des regierenden African National Congress (ANC; siehe Kasten weiter unten) war die Beendigung der offenen gesetzlich legitimierten Rassentrennung, der Apartheid. Aber der Kampf gegen die Ungleichheit ist eine Versprechung geblieben, der Kampf des ANC hat sich auch nie gegen die unterdrückende, kapitalistische Produktionsweise selbst gerichtet. Die offizielle Apartheid ist gefallen, die massive Ungleichheit ist geblieben. Nach wie vor gehören 70% des Eigentums an Land „Weißen“, die lediglich 10% der Bevölkerung darstellen. Wie weit die bedingungslose Integration in die kapitalistische Weltwirtschaft geht, zeigt allein schon die Tatsache, dass Privatisierung und geringe Unternehmensbesteuerung als effektivste Maßnahmen gegen Armut propagiert werden.

Dabei gelten offiziell 49% der südafrikanischen Bevölkerung als arm: Sie müssen umgerechnet mit weniger als 270 € im Monat ihren Lebensunterhalt bestreiten, wobei die Lohnsteigerungen hinter der offiziellen Inflationsrate, die im Schnitt der letzten Jahre um die 5-6% betrug, zurückblieben und vor allem die Lebensmittelpreise in den letzten Jahren stark gestiegen sind. Die Arbeitslosigkeit liegt offiziell bei 26%, wobei Schätzungen davon ausgehen, dass real 35% der Bevölkerung keine Arbeit haben. Besonders prekär ist die Situation in den Townships, die in der Zeit der Apartheid als Siedlungsräume für die ethnisch Unterdrückten dienten. Sie sind immer noch maßlos überbevölkert, die Wohnsituation ist miserabel.

WM und Investitionen

Eine Weltmeisterschaft ist nicht billig: 4,1 Milliarden US-$ investierte Südafrika in Infrastruktur und den Bau von Stadien. Eine enorme Summe, wenn man/frau bedenkt, dass dafür die SteuerzahlerInnen eines Landes aufkommen müssen, das sozial ohnehin sehr schlecht dasteht (zum Vergleich: Frankreich ließ für die WM 1998 gerade mal 500 Millionen US-$ springen). Von diesen Investitionen hat die Bevölkerung recht wenig. Den BauarbeiterInnen wurden lächerliche Löhne bezahlt, profitiert haben die großen UnternehmerInnen. Der lokale Handel hat ebenfalls wenig Grund zur Freude, wer nämlich bei der Großveranstaltung verkaufen darf, bestimmt die FIFA. Diese lässt dieses Privileg nur offiziellen „FIFA-PartnerInnen“ oder Sponsoren zukommen, sprich: Internationale Konzerne wie Coca Cola vor lokalem Handel. Die FIFA trat sogar aktiv für das Verbot des Straßenhandels im Umkreis von 100 Metern um die Stadien ein. Dabei war es z.B. beim African Cup of Nations 1996 ganz üblich, dass HändlerInnen Trikots und traditionelles Essen bei Spielen vor den Stadien verkauften. Selbst wenn die versprochenen 500.000 Arbeitsplätze während der WM realisiert werden, ist das alles nur ein sehr schwacher Trost für die südafrikanische Bevölkerung.

Wohin die Profite dieser Großveranstaltung laufen, ist klar: Ausbeuterische Konzerne sahnen ab. Allen voran die FIFA, die bereits 2008 mit der WM rund 3,5 Milliarden US$ Gewinne gemacht hatten. Versprechen an die Bevölkerung werden nicht eingelöst, jedoch bleibt dieselbe nicht still:

WM und Proteste

Streiks in Südafrika aufgrund der prekären sozialen Situation gibt es etliche. Auch die WM und die Vorbereitung darauf waren für viele eine Gelegenheit, die Arbeit niederzulegen und für bessere Bedingungen zu kämpfen. Der bisher größte Streik fand im Juli 2009 statt. 70.000 BauarbeiterInnen streikten eine Woche lang für höhere Löhne. Damit schafften sie es vorübergehend, die Bauarbeiten für neue Stadien lahmzulegen. Die Forderungen lagen bei einer Lohnerhöhung von 13%, erreicht wurden immerhin 12%. Allerdings entsprach das gleichzeitig der Steigerung der Kosten für Lebensmittel. Der Streik stellte den Höhepunkt einer Reihe vorhergehender Streiks dar. So wurde z.B. auf der Baustelle des Mbombela-Stadion am Rand der Stadt Nelspruit bereits im Vorfeld mehrere Male die Arbeit niedergelegt.

Doch nicht nur auf den Baustellen wird gestreikt: 4 Wochen vor Eröffnung der WM gab es einen groß angelegten Streik im Transportwesen. Mit Unterstützung von über 85% der beiden Transportgewerkschaften Satawu und Utatu beteiligte sich eine Mehrheit der 54.000 ArbeiterInnen des staatlichen Betriebs Transnet an dem Streik. Damit schafften sie es, die Transportinfrastruktur Südafrikas großflächig stillzulegen, und verhinderten so auch wichtige Zulieferungen für die WM-Vorbereitung. Nach 17 Tagen Streik wurden 11% Lohnerhöhung und eine Einmalzahlung erreicht.

Noch am 31. Mai 2010 streikten auch die BusfahrerInnen in Johannesburg. Der Streik endete aber bereits nach einem Tag, frau/man fügte sich einem Gerichtsbeschluss. Jedoch haben mehrere Gewerkschaften gedroht, auch während der WM Streiks zu organisieren.

Die hier aufgezählten Streiks waren bei weitem nicht alle Arbeitskonflikte, die Südafrika in der WM-Vorbereitungsphase erlebt hat. Und auch wenn die erkämpften Verbesserungen meist nicht sehr groß waren, so haben die Streikenden es doch geschafft (und schaffen es teilweise noch immer), die WM-VeranstalterInnen und die nationale Bourgeoisie kräftig unter Druck zu setzen.

Reaktion der Medien

Während ein Teil der einheimischen südafrikanischen Presse den ArbeiterInnen relativ solidarisch gegenüberstand, wurden die Streiks in den internationalen Medien scharf verurteilt. Sie gelten als „das hässliche Gesicht“ Südafrikas und als „Gefährdung“ für die WM. Dieselbe wird einfach über die Interessen der Unterdrückten Südafrikas gestellt, argumentiert wird, dass Arbeitsniederlegungen die Kosten der WM erhöhen würden. Für die Streikenden ist jedoch klar: „Unsere Anliegen sind größer als die WM.“ Damit behalten sie auch recht, denn die allgemeine Anpreisung des Großevents als wirtschaftlicher Impuls für die südafrikanische Ökonomie übersieht schlichtweg, dass nicht alle gesellschaftlichen Klassen von der WM profitieren werden. In Wirklichkeit fungiert die Ausrichtung der Fußball-WM als „Imageprojekt“, um den Staat Südafrika und damit seine Bourgeoise in ein gutes Licht zu rücken. In den Berichterstattungen zeigt sich einmal mehr der bürgerliche Charakter der allgemeinen Medienlandschaft.

Fazit

Wir haben also gesehen, dass Südafrika nicht das große Vorbild darstellt, das uns die bürgerlichen Medien präsentieren. Die Medien-Propaganda versucht uns mit der ersten WM auf dem afrikanischen Kontinent eine heile Welt zu verkaufen. Unter den Tisch fallen das Fortbestehen der rassistischen Unterdrückung und die brutale Ausbeutung des südafrikanischen Kapitalismus. Mit der WM wird ein Bild Südafrikas vermittelt, das globale Asymmetrienund das Weiterbestehen von rassistischen Unterdrückungsverhältnissen leugnet. Die reale Situation in Südafrika, mehr als ein Jahrzehnt nach dem offiziellen Ende der Apartheid (1994) immer noch von Unterdrückung und massiver Ungleichheit charakterisiert, soll verklärt werden. Umso wichtiger ist es, den ausbeuterischen Charakter dieses Megaevents darzulegen. Uns stehen nicht nur Wochen der Freude am Fußball bevor, es werden für viele Menschen auch Wochen der Enttäuschung über nicht eingelöste Versprechen sein. Die WM steht nicht isoliert da, sondern ist Teil des globalen Kapitalismus und damit seiner Profitlogik unterworfen. Deswegen fordern wir: Solidarität mit den kämpfenden ArbeiterInnen Südafrikas!



Der ANC

Der African National Congress (ANC) war seit seiner Gründung 1923 als Nachfolgeorganisation des South African Native National Congress über das ganze 20. Jahrhundert die führende Kraft für die Beendigung der Apartheid und die Befreiung der schwarzen Bevölkerung von der weißen Vorherrschaft in Südafrika dar. Über Jahrzehnte konzentrierten sich die Hoffnungen der schwarzen Bevölkerung auf den ANC. Der ANC war und ist traditionell in einer Dreierallianz mit der südafrikanischen Kommunistischen Partei (SACP) und dem Gewerkschaftsbund COSATU verbunden. Der ANC kämpfte militärisch gegen das Apartheid-Regime, auch Nelson Mandela, der spätere Präsident Südafrikas, war ein militärischer Kader des ANC (und bezahlte dies mit 27 Jahren als politischer Gefangener).

Nach dem Zusammenbruch des Apartheid-Regimes erreichte der ANC bei den ersten freien Wahlen 1994 eine 2/3 Mehrheit, die er 2009 verlor. Die breiten Hoffnungen in eine nicht-kapitalistische Entwicklung, die Anfang der 1990er in den ANC gesetzt wurden, konnte und wollte dieser nicht befriedigen. Im Gegenteil setzt der ANC auf ein Fortbestehen kapitalistischer Verhältnisse und die Herausbildung einer schwarzen Mittel- und Oberschicht – was aber an den prinzipiellen Eigentumsverhältnissen nichts ändert und zu wachsender Enttäuschung und Frustration in der schwarzen Bevölkerungsmehrheit führt. In jüngster Zeit nehmen deshalb auch die Spannungen zwischen ANC und COSATU zu, der COSATU drohte sogar, die traditionelle Allianz aufzukündigen.


 
Wer ist die RSO?
 
Die RSO (Revolutionär Sozialistische Organisation) arbeitet am Aufbau einer Organisation, die in Kämpfen eine Perspektive über den Kapitalismus hinaus aufzeigen kann. Wir nehmen an Demonstrationen und Aktionen teil, diskutieren solidarisch über unser Verständnis von Politik und welche Strategien wir brauchen und tauschen uns mit anderen AktivistInnen aus. Wir sind in Wien aktiv, haben aber Kontakt zu Gruppen und AktivistInnen in anderen österreichischen Städten und anderen Ländern.
 
Für Revolution und Sozialismus einzutreten, bedeutet über den engen Kreis der Linken hinauszuwirken und unsere Ideen in der ArbeiterInnenklasse zu verbreiten. Wir geben deswegen seit mehreren Jahren das Betriebsflugblatt Klartext in Wiener Krankenhäusern heraus, mit dem wir Missstände anprangern, KollegInnen ein Sprachrohr bieten und versuchen, Basisaktivitäten zu vernetzen. Mit anderen AktivistInnen gemeinsam haben wir die Initiative Care Revolution aufgebaut und diverse Demonstrationen und Protestaktionen organisiert
 
Für uns ist der Kampf gegen konkrete Ausbeutung am Arbeitsplatz, Unterdrückung durch Sexismus und Rassismus und die katastrophale Umweltzerstörung immer Verbunden mit einem Kampf gegen den Kapitalismus, der eine solidarisches Zusammenleben verhindert.