Mit dem Tod Mandelas ist ein bedeutendes Kapitel der südafrikanischen Geschichte zu Ende gegangen. Wir haben uns deshalb entschlossen den Nachruf des Democratic Socialist Movement, der südafrikanischen CWI Sektion, zu übersetzen, dem wir in vielerlei Hinsicht zustimmen.

Den ANC heroisch zur Macht führen, aber tragischerweise in eine Sackgasse

Die Demokratisch Sozialistische Bewegung (DSM, Democratic Socialist Movement) bekundet ihr Beileid gegenüber Mandelas Familie und all denjenigen in Südafrika und international, welche den Tod Nelson Rolihlahla Mandelas betrauern. Mandela ist ein Symbol der Kämpfe und Opfer von Millionen über Jahrzehnte um die Apartheid zu beenden und Demokratie zu gewinnen. Die Hoffnungen und Erwartungen dieses heroischen Kampfes – in dem die mächtige schwarze Arbeiter_innenklasse die entscheidende Rolle spielte – wurden in Mandela gesetzt. Wir erkennen seine Rolle eines der abstoßendsten Systeme der Unterdrückung und Ausbeutung zu überwinden an.

Mandelas Tod am 5. Dezember 2013 beendet eine Periode des Vor-Trauerns, die sechs Monate zuvor begann, als er mit einer wiederkehrenden Lungeninfektion ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Der Ursprung seiner Lungenkrankheit findet sich in der Zwangsarbeit im Kalksteinbruch, wo er sich damals Tuberkulose zuzog. Dies geschah auf Robben Island, dem Gefängnis in dem er den ersten Teil seiner 27 jährigen Haft im Kampf gegen die Apartheid verbrachte. Für viele wird sein Tod als eine Erleichterung von seinem Leiden gesehen, in seinem Zuhause in Houghton, Johannesburg, ans Bett gefesselt. Erleichterung nicht zuletzt auch deshalb, weil weithin geglaubt wurde, dass die ANC Führung ihn zynischerweise am Leben erhielt und plante passend den Stecker zu ziehen, um kurz vor den Wahlen 2014 möglichst viel aus seinem Tod herauszuschlagen.

Integrität und Hingabe

Mandela wird zu Recht weltweit als Staatsmann verehrt, neben großen historischen Figuren wie Mahatma Gandhi und Martin Luther King. Für seine Rolle dabei eines der abstoßendsten Systeme der Unterdrückung und Ausbeutung in der Geschichte zu überwinden, wird er anerkannt. Diese universale Anerkennung als Held erhielt er nicht zuletzt wegen der praktischen Demonstration seiner Entschlossenheit zur Selbstaufopferung für eine ehrenhafte Sache – die nationale Befreiung der schwarzen Mehrheit. Dies verdeutlichen seine Worte während des Treason Trial [„Hochverratsprozess“, welcher 1956 – 1961 stattfand und in dem 156 Menschen, inklusive Mandela, angeklagt wurden und anschließend freigesprochen wurden, Anmerkung des Übersetzers], mit denen er erklärte für den Anti-Rassismus als Prinzip zu sterben „sollte das notwendig sein“.

Sein Wille, dieses ultimative Opfer für die Sache aufzubringen, wird dadurch verdeutlich, dass er persönlich die Aufgabe übernahm, den bewaffneten Arm der ANC, Umk-honto weSizwe (MK) aufzubauen und heimlich Länder wie Algerien besuchte, um Unterstützung für den bewaffneten Kampf zu finden. Dies brachte ihn in die Position des ersten Oberbefehlshabers des MK. Seine nachdrückliche Ablehnung irgendeinen Kompromiss vom Apartheid-Regime zu akzeptieren um im Gegenzug die Freiheit zu erlangen, sondern stattdessen siebenundzwanzig Jahre der Haft hinzunehmen, bestärkte seinen Ruf als Mann mit Prinzipien und Integrität, welcher sich dem Dienst seines Volkes [his people] unterordnete. Dies steht in starkem Kontrast zur heutigen prinzipienlosen und korrupten politischen Elite, welche in den Augen vieler das Erbe, welches ihnen übergeben wurde, mit Füßen treten.

Die derzeitige Führung des ANC stellt die Niederlage des Apartheid-Regimes fälschlicherweise als den mehr oder weniger unvermeidbaren Kulminationspunkt der ältesten Befreiungsbewegung des Kontinentes auf seinem 100 jährigen Weg zum Sieg, dar. Es kann jedoch kaum Zweifel daran geben, dass, im Hinblick auf Hingabe und politischer und ideologischer Ausrichtung, Strategie und Taktik, der ANC, der sich bei den Massen beliebt machte, der ANC von Mandela ist. Die Beliebtheit entspringt eher aus der zweiten Hälfte dieser 100 Jahre als aus der ersten.

Mandela transformiert den ANC

Mandela war Teil einer neuen Generation von jungen Führern in den 1940er Jahren, welche von der kolonialen Revolution, welche den Imperialismus am Ende des 2. Weltkrieges erschütterten, inspiriert worden waren. Mandela und seine, im Prinzip, Genossen, Walter Sisulu und Oliver Tambo, erschütterten die damalige Führung des ANC, deren Methoden zur Befreiung der Unterdrückten bis dahin in Bitten an die Königin Englands, die schwarze Knechtschaft aufzuheben, und Loyalitätsbekunden an sie umfassten.

Mandela und seine Genossen, die 1949 die ANC Jugendliga kontrollierten und ein Aktionsprogramm verabschiedeten, änderten zum ersten Mal den ANC von einer Organisation der Bitten und Verhandlungen, zu einer der Massen-Aktion: Defiance Campaigns [die Verweigerung bestimmte ungerechte Gesetze zu befolgen], Bus Boykotte, Anti-Pass-Gesetz-Proteste und „stay aways“ [ähnlich einem Generalstreik, jedoch war den Schwarzen unter Androhung von Haft streiken verboten, Anmerkung des Übersetzers].

Darauf folgte die Annahme der „Freedom Charter“, dessen radikale Forderungen das Ausmaß des Einflusses der Arbeiter_innenklasse auf den ANC reflektierten – im Gegensatz zur Führung vor Mandela, deren feindliche Distanz [zur Arbeiter_innenklasse, Anm. d. Ü.] mit ihrer Klassentrennung korrelierte. Von diesem Punkt, bis zur Befreiung 1994, war es möglich die widerstreitenden Klasseninteressen der Arbeiter_innen-Massen und der Kleinbürger_innen - die aufstrebenden schwarzen Kapitalist_innen -, welche durch die Unterdrückung des weißen Minderheitsregimes zusammengehalten wurden, innerhalb einer Organisation unter demselben Programm mit dem gemeinsamen Ziel, die weiße Minderheit zu stürzen, zusammenzuhalten. Dieser Konflikt spielte keine Rolle…bis er eine spielte. Bis also der Zeitpunkt kam die Freedom Charter zu implementieren.

Die nächsten Wahlen [2014] werden 20 Jahre nach dem Ende der Apartheid stattfinden. Die historischen Wahlen 1994 symbolisierten den Triumph der nationalen Befreiung – die Aufhebung des Jochs der rassistischen Unterdrückung, das Öffnen der Türen zu einer Gesellschaft, in der Schwarze – jetzt einen Kopf größer – Seite an Seite mit ihren weißen Gegenüber als Gleiche stehen können. Vom Versprechen eines besseren Lebens für alle und ihrer zahlenmäßigen Stärke abgesichert, begrüßte die schwarze Mehrheit die Großzügigkeit mit der Mandela der weißen Minderheit begegnete. Mandelas Führung, so glaubte man, verhinderte einen rassistischen Bürger_innenkrieg, welcher als unvermeidbar galt.

Mit einer Führung, welche eine anscheinend absolut Entschlossenheit, ihr Volk [their people] zur Freiheit zu führen, demonstrierte, gab es keinerlei Grund anzuzweifeln, dass ein besseres Leben für alle möglich sei. Durch Mandelas Führung, wurde eine demokratische Neuverteilung eingeläutet, basierend auf der Verfassung, welche als die fortschrittlichste der Welt bezeichnet wurde. Auf dieser Grundlage sollte eine neue „Rainbow Nation“ [Regenbogen-Nation] entstehen, in der rassistische Unterdrückung wie auch ihre Begleiter, Armut, Analphabetismus, Krankheit und Obdachlosigkeit „nie wieder“ (Mandela) Fuß fassen könnten. In diesem Südafrika würden Gleichheit der Möglichkeiten für alle bestehen, in einer Nation, „vereinigt in ihrer Diversität“.

Die Realität sieht anders aus

Während Südafrika das zweite Jahrzehnt die Demokratie komplettiert, sieht die Realität im Gegensatz zum Versprechen, welches aus der verhandelten politischen Einigung der frühen 90er Jahre kam, anders aus. Obwohl die rassistische F.W. De Klerk Regierung pflichtgemäß ihre Posten verließ um dem ANC Platz zu machen, und obwohl der ANC regulär wiedergewählt wurde, hat sich für die überwältigende Mehrheit nichts geändert.

Ein bezeichnendes Phänomen der Nachrufe auf Mandela ist, dass die sich widersprechenden Klasseninteressen unter einer scheinbaren Einigkeit der Nation in ihrer öffentlichen Trauer verdeckt werden.

Die „Nation“, die Mandela hinterlassen hat, ist heute genauso wenig wieder aufgebaut, wie sie es vor dem Ende der Apartheid war. Zerfallen in zwei soziale Haupt-Triebkräfte – die Arbeiter_innenklasse auf der einen Seite, und die Kapitalist_innenklasse auf der anderen. Südafrika ist verschrien als die ungleichste Gesellschaft der Erde. 8 Millionen sind arbeitslos, 12 Millionen gehen hungrig ins Bett, Millionen sind von guter Bildung, Gesundheit und Unterkunft abgeschnitten.

Die herrschende ANC Elite zeigt dieselben Charakteristika wie die Elite die sie ersetzt hat: korrupt, unfähig und mit einem unstillbaren Appetit für Selbstbereicherung und Macht. Schlimmer noch: während sie die Politik des Apartheid-Regimes als Verbrechen gegen die Menschlichkeit brandmarken, zeigen die Repräsentant_innen der neuen Elite ein wachsendes Interesse an ähnlichen Herrschaftsmethoden wie ihre Vorgänger. Sie schützen sich hinter repressiven Gesetzen wie dem Secrecy Act, dem National Key Points Act und der Traditional Courts Bill, um ihre Macht abzusichern und die Nation weiterhin unter derselben dunklen Geheimhaltung und Unterdrückung zu halten wie zur Zeit der Apartheid.

Anstatt die Träume der Gleichheit und des Wohlstands zu erfüllen, welche den Massen von der Demokratie versprochen wurde, sind dessen Vorzüge nur einer kleinen Minderheit zu Gute gekommen. Weit entfernt von der „Rainbow Nation“ der Gleichen, ähnelt Südafrika heute, wie der Generalsekretär des ANC Gwede Mantashe selbst zugeben musste, einem „Irish Coffee“: schwarz am Boden, mit einer dünnen weißen Schicht an der Spitze, die mit kleinen schwarzen Punkten gesprenkelt ist.

Ein immer wiederkehrendes Thema in den Beurteilungen von Mandelas Leben ist das Verhalten seiner Nachfolger_innen in der ANC Führung und seiner zankenden Familie, welche nicht nur entfernt von allem seien, für das Mandela gestanden habe, sondern sie seien sogar eine Entweihung seines Erbes. Aber übersteht diese Behauptung eine genauere Überprüfung?

Kapitalisistische Kommentator_innen möchten uns glauben machen, dass Südafrika, wenn nicht die Nation unserer Träume, dann doch wenigstens ein besserer Ort wäre, wären Mandelas Nachfolger_innen weiterhin seinem Pfad gefolgt. Die Wahrheit allerdings ist, dass sie genau das getan haben, zumindest im Hinblick auf die fundamentalen politischen Fragen, auf denen die fast zwanzigjährige Herrschaft des ANC basierte.

Mandela und GEAR

Mandela spielte die entscheidende Rolle in der Aufgabe der Freedom Charter und allem, was für den ANC – so glaubte man – für unantastbar galt. Der entscheidende Bruch war die Annahme des Growth, Employment and Redistribution Progamms (GEAR, Wachstum, Beschäftigung und Umverteilung) im Jahr 1996. GEAR sollte die ANC Regierung zunehmend in offenen Konflikt mit der Arbeiter_innenklasse – am Arbeitsplatz, in den Townships und Besetzungscamps, den tertiären Bildungsinstitutionen – bringen und die ersten ernsthaften Spannungen in der Tripartite Alliance auslösen. Der Unterschied zwischen Mandelas Herrschaft und der all seiner Nachfolger_innen ist mehr im Stil, weniger der Substanz, zu suchen.

Etwas unfairer Weise, zum Beispiel, wurde Mbeki, welcher sich stolz als Thatcherist beziechnete, persönlich mit GEAR verbunden. Allerdings wurde GEAR unter Mandelas Präsidentschaft verabschiedet. Selbst wenn Mbeki GEARs Verabschiedung vorantrieb, geschah dies mit dem vollen  Segen Mandelas (und der restlichen Führung des ANC, inklusive der SACP [South African Communist Party, Kommunistische Partei Südafrika]).

In der Periode zwischen seiner Freilassung 1990 und der Machtübernahme des ANC vier Jahre später, schwang Mandelas Position von der unerschütterlichen Verpflichtung zur Freedom Charter und der erneuten Bestätigung der in ihr enthaltenen Nationalisierungsklauseln als Herzstück der ANC Politik, zu einer Erklärung, dass Privatisierung – das Herzstück von GEARs strategischen Zielen – nun fundamentaler Teil der ANC Politik sei. Und das deutlich vor dem Eintritt ins Parlament. Es war Mandela, der den ANC mit dem Versprechen von Jobs für alle an die Macht brachte, und es war derselbe Mandela, welcher im Parlament nach der Verabschiedung von GEAR erklärte, dass die ANC Regierung „keine Job-Kreierungs-Agentur“ sei.

Dr. Mandela performte diese Herz-Operation ohne seinen Patienten dabei zu befragen. Während die Freedom Charter die Kulmination des demokratischen Prozesses in der Geschichte des ANC war, war die Annahme von GEAR grundlegend undemokratisch. Die Freedom Charter war die Zusammenfassung vom Input, den der ANC von tausenden Arbeiter_innen in den Städten und auf dem Land und unterschiedlichsten Menschen aus der Nation erhielt, welche schriftlich dem Kongress des Volkes [Congress of the People] vorgelegt wurden und von ihm einbezogen werden sollten.

GEAR auf der anderen Seite wurde hinter dem Rücken nicht nur der Mitglieder des ANC entwickelt, sondern sogar hinter der Mehrheit des ANC Kabinetts selbst. Es wurde 1996 angenommen und eingeführt, und damit der ANC Mafikeng Konferenz 1997 als etablierter Fakt vorgelegt, nachdem es von den Großkonzernen bereits gutgeheißen wurde.

Ronnie Kasrils, vormaliger MK Führer, SACP Zentral-Komitee Mitglied und Nachrichtendienst-Minister, bestätigte –mit einer erstaunlichen Ehrlichkeit – dass der ANC unter Mandelas Führung in den CODESA Verhandlungen [Convention for a Democratic South Africa, Kongress für ein demokratisches Südafrika] die „Ärmsten der Ärmsten“ an das heimische Kapital und den Imperialismus verriet.

Wirtschafts-Verträge mit Mandela

Sampie Terreblanche von der Stellenbosch Universität zitierend schreibt Kasrils: „Ende 1993 kristallisierten sich Strategien der großen Konzerne in geheimen, nächtlichen Gesprächen in der Entwicklungsbank Südafrikas heraus – welche 1991 in der Wohnung von Minenmogul Harry Oppenheimer ausgeheckt wurden. Anwesend waren die Mineral- und Energiebosse, die Bosse von US-Amerikanischen und Britischen Konzernen, welche in Südafrika präsent waren…“

Was kam bei den „nächtlichen Diskussionen“ heraus? Kasrils deckt es auf: „Nationalisierung der Minen und der Führungsebene der Wirtschaft, wie von der Freedom Charter vorgesehen, wurden aufgegeben.“ Kasrils beschreibt wie die ANC Führung vor dem nationalen Kapital und dem Imperialismus kapitulierte: „Der ANC akzeptierte die Verantwortung für die massive Verschuldung der Apartheid-Ära… eine Reichen-Steuer für Entwicklungsprojekte wurde aufgegeben, und nationale wie internationale Konzerne, welche sich mit der Apartheid bereichert hatten, mussten keinerlei Reparationen bezahlen. Extrem enge Budgetvorgaben wurden eingeführt, welche jede zukünftige Regierung knebeln würde; die Verpflichtung zu einer Freihandels-Politik und die Streichung jedweder Zollschutzmaßnahmen wurden – im Geiste des Neo-Liberalismus – akzeptiert. Großen Konzernen wurde es erlaubt, ihre Firmen nach Übersee zu versetzen.“

Die Wurzeln der späteren Ernüchterung der ANC Führung mit der Verfassung und ihre wachsende Frustration mit dem parlamentarischen System selbst, sind in der Zerstörung der eigenen internen Demokratie zu finden.

Im Gegensatz zur Propaganda des alten Regimes war die ANC Führung, trotz ihrer Aufnahme der SACP, nie mit der „Krankheit“ des Kommunismus infiziert. Indem Mbeki, dessen ideologische Ausrichtung fälschlicherweise als fundamental abweichend zu der Mandelas dargestellt wurde, dies behauptete, bestätigte er in Hörweite der Arbeiter_innenklasse was Mandela bereits 1956, ein Jahr nach der Freedom Charter, und später beim Treason Trial 1964 klargemacht hatte.

Er wollte die Freedom Charter nicht mit dem Sozialismus verwechselt sehen. Die Freedom Charter, erklärte er, „ist keinesfalls eine Vorlage für einen sozialistischen Staat. Sie fordert eine Umverteilung, keine Nationalisierung des Landes; vorgesehen ist die Nationalisierung der Minen, Banken und der Monopol-Industrie, weil ohne diese Nationalisierung die rassistische Dominanz weiterbestehen würde, auch angesichts eines politischen Machtgewinns.“

Wir haben bereits zuvor darauf hingewiesen, dass die Nationalisierung durch den ANC niemals ein Schritt hin zur Abschaffung des Kapitalismus war, sondern um den Staat zu benutzen um die Entwicklung einer schwarzen Kapitalist_innenklasse voranzutreiben, ähnlich wie es die Nationale Partei für eine Afrikaner Bourgeoisie tat. Wie Mandela im Treason Trial erklärte: „Die [Nationalisierungs-]Politik des ANC korrespondiert mit der alten Politik der Nationalistischen Partei, welche, für viele Jahre, als Teil ihres Programmes die Nationalisierung der Goldminen besaß, welche zu dem Zeitpunkt vom ausländischen Kapital kontrolliert wurden.“

Mandela vor den Wahlen

Der ANC befindet sich in dieser geschichtlichen Situation nicht, weil sie von ihrem historischen Kurs, den sie sich gesetzt hatten, abgewichen sind, sondern weil das, angesichts ihrer Geschichte, ihres sozialen Charakters und ihrer historischen Aufgabe, der Punkt war, auf den sie sich immer hinbewegt hat.

Die Kapitulation des ANC Mandates des Congress of the People auf CODESA war keine Abweichung von ihrem Pfad. Tatsächlich war es die Erfüllung der historischen Mission des ANC. Dies wurde in Mandelas Rede während des Treason Trial deutlich, in der er die Bereitschaft der Führung klarmachte, auch beim fundamentalen Prinzip der Mehrheitsherrschaft, „Eine Person – Eine Stimme“, einen Kompromiss zu schließen. Er bot Verhandlungen darüber an, dass zunächst eine limitierte Anzahl von Sitzen für Schwarze reserviert werden sollte, deren Zahl über einen vorher festgelegten Zeitraum graduell ansteigen sollte. Er signalisierte diese Bereitschaft weiter indem er – bereits 1985 - in geheimen Verhandlungen mit Repräsentanten des Nachrichtendienstes des Apartheid-Regimes und der Konzerne trat. Dafür hatte er keinerlei Mandat seiner Organisation.

Vor den „Gesprächen über Gespräche” mit hohen Vertreter_innen des Regimes kam es bereits 1987 zu Gesprächen mit Mitgliedern des politischen Establishment in Dakar, Senegal. Die Aufgabe des bewaffneten Kampfes ohne eine Beratung mit den MK Führern oder zumindest Chris Hani bewies, dass der bewaffnete Kampf schon immer nur eine „Propaganda der Tat“-Taktik gewesen war um das Regime an den Verhandlungstisch zu zwingen. CODESA war die logische Folge.

Der Friedensnobelpreis, der Mandela und De Klerk zusammen verliehen wurde, sollte den Mythos bestärken, dass die Einigung in Verhandlungen ein unerwartetes Zusammenkommen zu einem historischen Wendepunkt war - zwischen einem von einem Afrikaans-geführten kapitalistischen Establishment und einer von Mandela geführten ANC Führung, welche sich in ihrem Sieg großzügig zeigte. Aber selbst Mandela fühlte sich dazu verpflichtet, darauf hinzuweisen, dass das Land nicht von ihm oder der ANC Führung befreit wurde, sondern von den Arbeiter_innen-Massen selbst.

Wenn der Imperialismus und das kapitalistische Establishment in Südafrika Druck auf das Apartheid-Regime ausübten, in Verhandlungen mit dem ANC zu treten, dann war es, weil sie verstanden, dass der Kampf der Massen – von den Streiks 1973 in Natal über die Aufstände der Jugend 1976 bis zu den Aufständen der 1980er, welche von der UDF [United Democratic Front, Vereinte Demokratische Front, eine der wichtigsten Anti-Apartheid Gruppen der 80er] und dem sozialistischen Bewusstsein der Arbeiter_innen in COSATU [Confederation of South African Trade Unions, Südafrikanischer Gewerkschaftsdachverband] angefacht wurden – eine tödliche Gefahr für das Regime repräsentierten. Wäre die weiße Minderheit von einem Massenaufstand gestürzt worden, wäre die Zukunft des Kapitalismus an sich bedroht gewesen. Die geheimen Verhandlungen mit Mandela überzeugten die weitsichtigeren Strategen des Kapitals, dass Mandela ein Mann war, mit dem sie Business machen konnten. Mandela hat nie ernsthaft die Überwindung des Kapitalismus in Betracht gezogen. Sein Problem war nicht der Kapitalismus als solcher, sondern ein Kapitalismus, der eine Rasse gegenüber der anderen bevorteilte. Dafür ist ihm die herrschende Klasse für immer dankbar.

Die Führung des ANC war nie an einer grundlegenden Umgestaltung der südafrikanischen Gesellschaft interessiert. Weit entfernt davon, den Sturz des Kapitalismus zu wünschen, wollte sie ihren Platz darin finden. Da sich der Kapitalismus jetzt in den Fängen der schlimmsten Krise seit den 1930ern befindet, zeigt sich die Unfähigkeit dieser kapitalistischen Regierung die Erwartungen der Massen zu erfüllen stärker und akuter. Die Krise des Kapitalismus zeigt sich jetzt in einer Krise des ANC selbst.

Neue Arbeiter_innenpartei

Fast so als ob sich die Geschichte verschwören würde, um eine Symmetrie mit dem Leben der Partei, die er so heroisch führte, und dem Leben Mandelas herzustellen, scheint der Tod Mandelas mit der Implosion des ANC zusammenzufallen.

Für die herrschende ANC Elite ist Mandelas Tod sicher eine willkommene Ablenkung von den neuesten Angriffen auf ihre Glaubwürdigkeit. Der kürzlich veröffentlichte Bericht des Public Protector [Verteidiger der Öffentlichkeit] enthält belastende Befunde von Korruption und Misswirtschaft von zweien seiner Minister, welche zu der noch laufenden Korruptionsgeschichte um den Wohnsitz von Präsident Zuma in Nkandla, Kwa-Zulu Natal hinzukommen, wo ein vorläufiger Bericht von Ausgaben über 200 Millionen Rand spricht.

Zweifellos wird die ANC Führung Mandelas Tod benutzen wollen um das Schicksal ihrer Partei zu retten, welche die Arbeiter_innenklasse von sich entfremdet hat. Diese Entfremdung geht so weit, dass ein außerordentlicher Kongress der Nationalen Gewerkschaft der Metallarbeiter (am 13. – 16. Dezember) mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Resolution verabschieden wird, in der sie den ANC bei den Wahlen 2014 nicht unterstützen werden; dass sie ihre 8 Millionen Rand Wahlkampfgelder einbehalten werden. 67% aller Betriebsräte in COSATU würden inzwischen sogar eine Arbeiter_Innenpartei unterstützen, wenn COSATU sie unterstützen würde. Eine solche Resolution würde bei organisierten Arbeiter_innen in und außerhalb COSATU hinaus widerhallen, mit hoher Wahrscheinlichkeit die Föderation selbst spalten und dem Wahlergebnis des ANC einen harten Schlag versetzen. Das ist der Grund warum COSATU Präsident S’dumo Dlamini, Anführer der kapitalistischen Pro-Zuma Fraktion in COSATU, keine Zeit verschwendet hat um zynischerweise die Gelegenheit zu nutzen, eine Einheit um „Mandela willen“ einzufordern.

Aber jede Sympathie der Massen wird höchstens temporär sein. Bei allen Lobpreisungen Zumas von Mandela als Südafrikas „größtem Sohn“, wird das Land für viele von einem der schlimmsten Söhne regiert. Zumas Ansehen ist so schlecht, dass seine engsten Berater_innen ihn mit kaum verhüllter Verachtung betrachten und beim Gedanken zusammenzucken, dass der meistgeachtetste Führer des ANC von einem der meistverachteten beerdigt werden soll. Dieser hat mit seinem schamlosen Zulu-Chauvinismus eben jenen Tribalismus wiederbelebt, dessen Bekämpfung einer der Gründe für die Kreierung des ANC war. Dies machte den Weg frei, weg von einem relativ progressiven Nationalismus des ANC, auf den schmachvollen Fußspuren des rassistisch-reaktionären Nationalismus der Nationalistischen Partei der Apartheid. Indem der Begründer des modernen ANC vom letzten Führer beerdigt wird, beerdigt Zuma die moderne Verkörperung der Partei selbst.

Mit Mandela wird der letzte Glanz des ANC als Befreiungsorganisation beerdigt. Der Tod Mandelas wird den Zerfallsprozess des ANC vermutlich nur beschleunigen. Um ihn herum konnte der ANC noch bestehen, sich in seinem reflektierten Glanz sonnen. Die Arbeiter_innen und Sozialistische Partei, genießt bereits die Unterstützung der National Transport Movement [Nationale Transport Bewegung] – eine 50.000 Personen Abspaltung von der korrupten südafrikanischen Transport and Allied Workers Union [Transport und Vereinigte Arbeiter_Innen Gewerkschaft]. Mit dieser als Leuchtfeuer wird der Weg freigemacht für das Auftauchen einer Massenpartei der Arbeiter_innen mit einem sozialistischen Programm.

Während also die Kapitalist_innenklasse den bevorstehenden Kollaps ihrer CODESA Rettung betrauert, erwacht die Arbeiter_innenklasse zu den Gewehrklängen Marikanas – die Partei, welche sie so lange für die ihrige hielten, ist in Realität die Partei der Bosse. Was tatsächlich passierte, war eine Ersetzung der politischen Chefs des Kapitalismus; die rassistische weiße Regierung wurde durch eine „nicht-rassistische“ demokratisch gewählte Regierung, basierend auf der schwarzen Mehrheit, ersetzt.

Die Etablierung der Arbeiter_innen und Sozialistischen Partei repräsentiert einen historischen Schritt vorwärts: die Rückeroberung der klassenmäßigen und politischen Unabhängigkeit des Proletariats, seine Befreiung vom ideologischen und politischen Gefängnis des ANC und der Tripartite Alliance, in dem es seit fast zwei Jahrzehnten eingesperrt war. Der Weg zu einem sozialistischen Südafrika, von welchem die Arbeiter_innenklasse seit 1994 abgebracht wurde, wurde jetzt wieder fortgesetzt.

Die Kapitalist_innen und ihre Sprecher_innen sind zu Recht besorgt über den Tod Mandelas. Selbst wenn einige von ihnen jetzt Krokodilstränen weinen, tun sie das deshalb, weil er dem südafrikanischen Kapitalismus eine Lebensverlängerung ermöglichte. Es ist jetzt fast 20 Jahre her, dass sein ANC an die Macht kam. Diese zwanzig Jahre zeigten immer wieder die Brutalität des Kapitalismus – Armut, Arbeitslosigkeit und Ungleichheit, welche die Führung seines ANC als „Dreifach-Aufgabe“ bezeichnete. Im Kapitalismus können sie diese Aufgabe nicht bewältigen. Nur im Sozialismus können die Arbeiter_innen die Gesellschaft von diesen kapitalistischen Übeln befreien. Es bleibt den Arbeiter_innen und der Jugend überlassen, dem besten Beispiel Mandelas zu folgen – ein selbstloser und entschlossener Kampf –, aber auch zu lernen, dass es in diesem Kampf keine Kompromisse mit dem Klassenfeind zu machen gibt, weil diese zwangsläufig zum Verrat der Massen führen werden, da der Kapitalismus ihre Ansprüche nicht erfüllen kann. Wichtiger noch, sie müssen lernen, dass die Arbeiter_innenklasse nur auf ihre eigenen, politisch unabhängigen, Führungen, Organisationen und Programme vertrauen kann, um die Gesellschaft nach ihren Interessen, und denen der Armen umzugestalten, für ein sozialistische Südafrika und eine sozialistische Welt.

(Übersetzung Johannes Wedekamp)

Wer ist die RSO?
 
Die RSO (Revolutionär Sozialistische Organisation) arbeitet am Aufbau einer Organisation, die in Kämpfen eine Perspektive über den Kapitalismus hinaus aufzeigen kann. Wir nehmen an Demonstrationen und Aktionen teil, diskutieren solidarisch über unser Verständnis von Politik und welche Strategien wir brauchen und tauschen uns mit anderen AktivistInnen aus. Wir sind in Wien aktiv, haben aber Kontakt zu Gruppen und AktivistInnen in anderen österreichischen Städten und anderen Ländern.
 
Für Revolution und Sozialismus einzutreten, bedeutet über den engen Kreis der Linken hinauszuwirken und unsere Ideen in der ArbeiterInnenklasse zu verbreiten. Wir geben deswegen seit mehreren Jahren das Betriebsflugblatt Klartext in Wiener Krankenhäusern heraus, mit dem wir Missstände anprangern, KollegInnen ein Sprachrohr bieten und versuchen, Basisaktivitäten zu vernetzen. Mit anderen AktivistInnen gemeinsam haben wir die Initiative Care Revolution aufgebaut und diverse Demonstrationen und Protestaktionen organisiert
 
Für uns ist der Kampf gegen konkrete Ausbeutung am Arbeitsplatz, Unterdrückung durch Sexismus und Rassismus und die katastrophale Umweltzerstörung immer Verbunden mit einem Kampf gegen den Kapitalismus, der eine solidarisches Zusammenleben verhindert.