Prostituierte gelten gemeinhin als Kriminelle, als Krankheit der Gesellschaft. Aber ist nicht viel eher eine Gesellschaft krank, wenn es Nachfrage nach solchen Diensten gibt? Warum gibt es Prostitution? Welche gesellschaftlichen Gründe stecken dahinter? Wie kann das Leben der SexarbeiterInnen einfacher werden? Gibt es überhaupt eine Lösung für das Problem Sexarbeit? m September 2004 kam es im 15. Wiener Gemeindebezirk zu AnrainerInenproteste gegen die SexarbeiterInnen im Gebiet der äußeren Mariahilferstrasse. Der sozialdemokratische Bezirksvorsteher, der sich auf die Seite dieser AnrainerInnen stellte, meinte im Bezirksjournal: „Wir arbeiten an einer Lösung dieses Problems. Ziel ist es, die Prostitution aus den Wohngebieten des 15. Bezirks zu verbannen.” (Bezirksjournal 19.06.2004)

Doch kann die Verbannung von Prostituierten wirklich zu einer Lösung führen? Gibt es dann keine Nachfrage mehr? Ist die Nachfrage also nur da, weil es das Angebot gibt? Bei einem Blick in die Geschichte wird klar, dass Prostitution ein sehr altes Phänomen ist und seit zumindest 2.500 Jahren nachgewiesen werden kann. Zu Beginn waren es Fruchtbarkeitsriten in den frühen prähistorischen Gesellschaften (Diese Riten dürfen natürlich nicht romantisiert werden, sondern müssen mit der Realität der damaligen Gesellschaftsformen in Einklang gebracht werden). Später dann hat sich die Prostitution in den Tempeln weiter entwickelt (siehe Kasten zur Tempelprostitution), wobei die Priester in den Tempeln bestimmten, was die Frauen zu tun hatten und wann. Nach und nach, auch durch das Erstarken des Christentums, hat sich die Prostitution außerhalb des Religiösen weiterentwickelt. Im 12. Jhdt werden zum Beispiel die ersten Bordelle schriftlich erwähnt.

Die Gründe, warum sich Menschen prostituieren, sind unterschiedlich. Am häufigsten ist wohl die Kombination, in einer finanziellen Notlage und drogenabhängig zu sein. Besonders Frauen werden von Männern mit Gewalt zu diesem Geschäft gezwungen (In Westeuropa sind vor allem Frauen aus Ostblockstaaten und Asien betroffen). Der Anteil von Frauen, die Prostitution als freiwilligen Job annehmen, steigt, ist aber vergleichsweise immer noch marginal. Fehlende Schulausbildung, keine Hoffnung auf eine Arbeit und die allgemeine Zukunftsperspektive, die fehlt, sind weitere Gründe, warum sich Frauen der Prostitution zuwenden. Nur die Wenigsten haben wirklich Spaß daran, jeden Tag mit Freiern zu verkehren.

Formen der Prostitution

Heute gibt es verschiedene Arten der Prostitution. Es wird unterschieden zwischen Straßenprostitution, Prostitution in Bordellen, Prostitution auf Anruf (Callgirl, Callboy) und Modellprostitution (Frauen miteten sich auf eigenes Risiko Wohnungen und inserieren in Zeitungen und Internet). In den meisten Fällen sind bei allen Formen der Prostitution Zuhälter üblich. Bei diesen handelt es sich zum überwiegenden Teil um Männer, die die SexarbeiterInnen durch physische und psychische Gewalt und gelegentlich durch Drogen in einem Abhängigkeitsverhältnis halten. Natürlich haben nicht alle Prostituierten einen Zuhälter.

Im Zusammenhang mit Prostitution muss mensch sich unweigerlich auch mit dem Thema des Menschenhandels auseinander setzen. Oftmals werden Frauen unter Vorspiegelung falscher Tatsachen in ein Land gebracht. Dann werden ihnen ihre Pässe abgenommen und sie müssen für den Zuhälter “anschaffen” gehen. Viele Möglichkeiten bieten sich diesen Frauen nicht, weil sie meist illegal im Land und dadurch von Abschiebung bedroht sind.

Prostitution in Österreich

In Österreich ist Prostitution legal. Genauer gesagt, ist sie grundsätzlich nicht verboten. Allerdings verstößt Prostitution laut Gesetz „gegen die guten Sitten”. Das hat natürlich Auswirkungen auf die rechtliche Situation. Gemäß einer Entscheidung des Obersten Gerichtshofes aus dem Jahr 1989 handelt es sich bei dem Vertrag zwischen Prostituierten und Kunden um einen „sittenwidrigen Vertrag”, bei dem „Leichtsinn, Unerfahrenheit, Triebhaftigkeit und Trunkenheit von Personen” ausgenützt würden. Der Kunde hat daher in der Regel keinen Nachteil, wenn er nicht zahlt.

In Wien sind zur Zeit etwa 600 bis 700 Prostituierte registriert. Die Dunkelziffer liegt allerdings bei 4000 bis 5000. Eine registrierte Prostituierte muss einmal wöchentlich zu einer Gesundenuntersuchung gehen und mindestens alle 3 Monate einen Aidstest machen. Außerdem muss sie natürlich auch Steuern zahlen, da sie in Österreich als selbstständig erwerbstätig gilt. Es gibt in Österreich keine Möglichkeit, als Prostituierte in einem freien Dienstverhältnis oder einem Angestelltenverhältnis zu arbeiten. Nach österreichischem Recht ist es verboten, jemanden als Prostituierte zu beschäftigen (bezeichnet wird dies als „Ausbeutung der Prostitution”). Ohne Beschäftigungsverhältnis haben Prostituierte keine Chance auf Arbeitslosengeld, Krankengeld oder eine Pension.

Durch die AnrainerInnenprote-ste im 15. Bezirk ist die Frage nach dem „Wohin” mit den Prostituierten wieder einmal aufgeworfen worden. Der sozialdemokratische Bezirksvorsteher tritt für die Verbannung der Prostituierten ein. Nur eine Verbannung wohin? Die Polizei teilt Zettel mit folgendem Inhalt aus: „Wir erlauben uns, darauf hinzuweisen, dass das Wiener Prostitutionsgesetz gemäß § 4 örtliche Beschränkungen vorsieht. Der von den Straßenzügen Avedikstraße – Zwölfergasse – Mariahilferstraße – Zollernsperggasse umgrenzte Bereich unterliegt überwiegend dieser Beschränkung. Sollte dennoch eine Anbahnung der Prostitution erfolgen, muss mit der Einleitung eines Verwaltungsstrafverfahrens gerechnet werden”.

Die Situation ist sehr schwierig, weil natürlich auf die Bedürfnisse der Menschen, die in diesen Gebieten wohnen, Rücksicht genommen werden muss. Eine Situation, wie sie zeitweise am Wiener „Babystrich” im zweiten Bezirk herrschte, wo jugendliche Anrainerinnen permanent von Freiern belästigt wurden, ist für die AnrainerIn-nen verständlicherweise wenig akzeptabel.

Doch wie auch Beispiele aus Deutschland und den Niederlanden zeigen, kann durch Verbote die Straßenprostitution nicht verhindert werden, es kommt lediglich zu einer Verlagerung. SexarbeiterInnen werden in dunkle Hinterhöfe und unsichere Gebiete abgedrängt, wodurch das Gefahrenpotenzial und Gewaltrisiko für sie ansteigt. Durch die Konzentration auf wenige Straßen kommt es außerdem vermehrt zu negativen Folgeerscheinungen für AnrainerInnen. Was ja genau das Gegenteil von dem wäre, was die AnrainerInnen wollten.

Gleichzeitig muss auch den SexarbeiterInnen ermöglicht werden, ihrer Arbeit nachzugehen. Eine mögliche Lösung wäre es, wenn den Sexarbeiter-Innen Gebäude zur Verfügung gestellt werden würden, wo sie selbstverwaltet arbeiten können. Dadurch würden sie den „Gefahren der Straße” entgehen, andererseits würden die AnrainerInnen zumindest relative „Ruhe” bekommen.

Doppelmoral

Doch egal, welche Lösung auch immer angestrebt wird, darf nicht vergessen werden, dass das Problem letztlich die Doppelmoral ist, die in der Gesellschaft herrscht. Dass zwar eine Nachfrage herrscht, aber die Befriedigung sittenwidrig ist. Auch wenn die vollkommene Legalisierung die Prostitution aus dem kriminellen Milieu holt, besteht weiterhin die Frage, wie verhindert werden kann, dass es eine Nachfrage danach gibt und dass Menschen keine anderen Möglichkeiten sehen, als ihre Körper zu verkaufen.

Das Problem sind nicht die SexarbeiterInnen an sich, das Problem ist die Tatsache, dass Menschen (in der Regel Männer) das Bedürfnis haben, Macht über einen Menschen auszuüben. Denn Prostitution hat weniger mit Sex als mit Machtausübung zu tun. Prostitution ist letztlich eine Karikatur von Sexualität. Eine immer willige Frau steht bereit, alle Wünsche kritiklos zu erfüllen – ob sie selbst sich dabei wohl fühlt und erregt wird, ist irrelevant. Damit ist Prostitution eigentlich nichts anderes als die Konsequenz des Frauenbildes in dieser Gesellschaft. Gleichzeitig ist Prostitution der Ausdruck einer verklemmten Sexualmoral. Gerade schwule Männer suchen auf dem Strich die Befriedigung, die sie in ihrer heterosexuellen Ehe oder Partnerschaft nicht finden können. Dem stellen wir das Konzept einer freien und befreiten Sexualität entgegen, wo mündige Menschen im gegenseitigen Einverständnis ihre sexuellen Wünsche befriedigen können, ohne von heuchlerischen religiösen oder gesellschaftlichen Einschränkungen bevormundet zu werden. Nur so kann es ein Ende der Prostitution geben.


Sexarbeit und Prostitution

Sexarbeit ist ein breiterer Begriff, der verschiedenste Arbeiten in der Sexindustrie bezeichnet: Neben der Prostitution, unter der das Anbieten und Verkaufen sexueller Dienste verstanden wird, wird als Sexarbeit auch Striptease, Telefonsex, Barservice, Gogo etc. bezeichnet.

Prostitution (von lat. prostituere, sich öffentlich hinstellen) bezeichnet das Anerbieten, sexuelle Handlungen gegen Entgelt vorzunehmen.




Tempelprostitution

Die Tempelprostitution hat sich schon im Altertum entwickelt. Vor allem in Indien, Ägypten, Babylon (Ischtar - Kult) und auf Zypern hat sich diese Form des kultischen Geschlechtsverkehrs von Tempeldienerinnen etabliert.

In Babylon musste etwa jede Frau vor ihre Ehe als Tempeldienerin tätig sein. Sie bereicherte aber nicht sich, sondern den Tempel damit. Dies galt damals als Fruchtbarkeitsritus. Nach einer einzigen „Hingabe” war der Dienst erfüllt und die Frau verließ den Tempel wieder. Laut „terre de femmes” gibt es Tempelprostitution auch heute noch. In Indien werden Mädchen der Göttin Mat-hamma geopfert, damit die Familie die Gnade der Göttin erhält. Die minderjährigen Mädchen werden der Göttin „geweiht”, indem sie vom Priester vergewaltigt werden. Dann müssen sie im Tempel tanzen. Später, bei Erreichen der Pubertät müssen die Mädchen nicht nur tanzen, sondern den Männern auch sexuell zur Verfügung stehen. Als erwachsene Frauen dürfen sie nicht heiraten und es steht ihnen soziale Ächtung bevor.

Wer ist die RSO?
 
Die RSO (Revolutionär Sozialistische Organisation) arbeitet am Aufbau einer Organisation, die in Kämpfen eine Perspektive über den Kapitalismus hinaus aufzeigen kann. Wir nehmen an Demonstrationen und Aktionen teil, diskutieren solidarisch über unser Verständnis von Politik und welche Strategien wir brauchen und tauschen uns mit anderen AktivistInnen aus. Wir sind in Wien aktiv, haben aber Kontakt zu Gruppen und AktivistInnen in anderen österreichischen Städten und anderen Ländern.
 
Für Revolution und Sozialismus einzutreten, bedeutet über den engen Kreis der Linken hinauszuwirken und unsere Ideen in der ArbeiterInnenklasse zu verbreiten. Wir geben deswegen seit mehreren Jahren das Betriebsflugblatt Klartext in Wiener Krankenhäusern heraus, mit dem wir Missstände anprangern, KollegInnen ein Sprachrohr bieten und versuchen, Basisaktivitäten zu vernetzen. Mit anderen AktivistInnen gemeinsam haben wir die Initiative Care Revolution aufgebaut und diverse Demonstrationen und Protestaktionen organisiert
 
Für uns ist der Kampf gegen konkrete Ausbeutung am Arbeitsplatz, Unterdrückung durch Sexismus und Rassismus und die katastrophale Umweltzerstörung immer Verbunden mit einem Kampf gegen den Kapitalismus, der eine solidarisches Zusammenleben verhindert.