Mädchen spielen lieber mit Puppen, Buben lieber mit Bausteinen. Mädchen sind zarter, Buben kräftiger. Mädchen mögen eher ruhigere Spiele, Buben eher wildere Spiele. Mädchen sind herziger, Buben sind aggressiver. Mädchen sind rücksichtsvoller, Buben durchsetzungsfähiger ... - oder?

Geschlechtszugehörigkeit ist eine der wichtigsten Differenzierungsmerkmale unserer Gesellschaft. Das Geschlecht ist in den meisten Lebensbereichen präsent und wohl auch unter den ersten Merkmalen (wenn nicht sogar das Erste), dass bei anderen Menschen wahrgenommen wird. Ob im Ausweis festgehalten oder im Sprachgebrauch, die Geschlechtszugehörigkeit beeinflusst von Anfang an das Leben.

In jeder Gesellschaft gibt es Vorstellungen über das "angemessene" Verhalten und die "typischen" Interessen von Frauen und Männern. Die Geschlechtsstereotypen sind laut Studien geographisch wenig unterschiedlich. Gesellschaftliche Vorstellungen über typisch weibliche Verhaltensweisen sind demnach: "Schwachheit, Zartheit, Verständnis, Güte." Typisch männlich zugeordnete Verhaltensweisen sind dem zufolge: "Aggression, Kraft, Grausamkeit und Grobheit".

Entdeckung der eigenen Person

Ein Kind macht viele Erfahrungen, bis es um den zweiten Geburtstag herum ein Gefühl für das "Ich" bekommt. Die Erkenntnis, dass der eigene Körper konstant ist und die Beine immer da sind, während - im Gegensatz dazu - Spielmaterial oder andere Personen kommen und gehen, ermöglicht dem Kind erst, die Erfahrung zu machen, die eigenen Beine und Arme willentlich steuern zu können.

Die Entdeckung des Körpergefühles, also beispielsweise die Erkenntnis, dass der Biss in den Polster sich ganz anders anfühlt als der Biss in die eigene Hand, ist ein weiterer wesentlicher Schritt zur Identitätsfindung.

Zu beobachten, wie Kinder vor dem Spiegel agieren, ist sehr aufschlussreich dafür, wie das Kind sich selbst wahrnimmt, oder eben sich selbst noch nicht als "Ich" wahrnimmt. Lächeln Kinder den Spielgefährten im Spiegel in der ersten Hälfte des ersten Lebensjahres noch freundlich an, versuchen sie bereits in der zweiten Hälfte, mit dem Kind im Spiegel zu experimentieren. Nachzusehen, ob hinter dem Spiegel ein anderes Kind zu finden ist, deutet darauf hin, dass das Kind noch keine Vorstellung davon hat, dass das Kind es selbst ist. Erst gegen Ende des zweiten Lebensjahres zeigen Kinder Verhaltensweisen, die darauf hindeuten, dass sie begriffen haben, dass sie selbst das Spiegelbild sind. So beginnen Kinder etwa in diesem Alter das Kind im Spiegel mit ihrem eigenen Namen zu benennen.

Geschlechtsidentität

Parallel mit der Identitätsbildung an sich wird bereits die Geschlechteridentität geprägt. Kinder können mit etwa zwei Jahren ihr Geschlecht benennen und angeben, ob sie ein Mädchen oder ein Bube sind. Dies ist wohl deshalb so früh der Fall, weil die Welt um sie herum dies sehr stark betont. Es wird allerdings noch als Begriff benutzt, der noch nicht mit konkreten Rollenvorstellungen zusammenhängt. So wird das Geschlecht von Äußerlichkeiten, wie etwa dem Haarschnitt und der Kleidung, bestimmt.

Im dritten und vierten Lebensjahr konzentriert sich das Kind tatsächlich auf das Geschlecht, interessiert sich auch stark für alle "dazugehörigen" Informationen, also über die Geschlechterrollen und hat Freude an der Entdeckung der Geschlechtsteile. Mit etwa vier Jahren erhält das Kind eine Geschlechtsstabilität, also die Erkenntnis, dass das Geschlecht nicht willkürlich veränderbar ist. Allerdings ist es auch nicht selten, dass Kinder bis zum sechsten Geburtstag noch der Ansicht sind, ihr Geschlecht durch verkleiden und einem anderen Haarschnitt verändern zu können.

In diesem Alter können Kinder die Geschlechtszugehörigkeit anderer Personen "richtig" beurteilen, allerdings noch nicht auf der Grundlage der tatsächlichen Geschlechtszugehörigkeit sondern aufgrund von Verhaltensweisen und Aussehen.

Täuschungsmanöver

Ein Versuch belegt dies sehr gut. Kindern zwischen drei und fünf Jahren wurden Bilder von einem Buben und einem Mädchen gezeigt, wo die Geschlechtsteile gut zu sehen waren, danach wurden sie befragt, ob die gezeigten Personen Buben oder Mädchen waren. Die Kinder antworteten richtig. Danach wurde den selben Kindern Bilder gezeigt, in denen die Kinder verkleidet und ihnen Perücken aufgesetzt wurden. Nur noch 40% der Kinder antworteten richtig. 60% ließen sich täuschen. Es ist auch nicht weiter verwunderlich, werden doch anatomische Unterschiede im täglichen Leben nicht erwähnt. Es wird von Männern und Frauen sowie von Mädchen und Buben gesprochen, ohne ihre Geschlechtsteile zu erwähnen, daher orientieren sich Kinder an den für sie sichtbaren Äußerlichkeiten.

Verhaltensweisen werden übernommen

Vorschulkinder (bis zu sechs Jahre) scheinen auf der Suche nach Orientierungshilfen und Regeln zu sein. Daher sind Kinder darauf bedacht, die gängigen Verhaltensweisen für ihr Geschlecht zu übernehmen und nachzuahmen. Es werden sozusagen zuerst die Regeln der Grammatik und erst später die Ausnahmen erlernt. Sehr eng und rigide wird das, was das als für Buben und Mädchen richtige Verhalten erachtet wird, übernommen und ausgelebt. Oft auch gegen die dem Kind gegenüber ausgesprochenen Intentionen von Eltern und ErzieherInnen machen sich hier Kinder selbst Druck auf Anpassung und geschlechtstypisches Verhalten.

Erst mit dem Abschluss der Volksschule (also dem zehnten Lebensjahr) sollte bei allen Kindern die Geschlechtskonstanz eingesetzt haben, wo Kinder wissen, dass die Zuordnung zu einem Geschlecht in der Regel durch die Geschlechtsteile getroffen wird und nicht über Kleidung oder Haarschnitt, und dass dieses Geschlecht von Geburt an.

Das Verhalten, das Buben und Mädchen in dieser Zeit lernen, ist geprägt vom Modelllernen. Kinder suchen nach Orientierungsfiguren. Mädchen spielen zumeist das mütterliche Verhalten, Buben das väterliche. Buben haben in der Regel weniger Vielfalt zum Modelllernen.

In Kinderbetreuungsinstitutionen sind überwiegend Frauen tätig. In privaten Haushalten sind mehrheitlich Frauen für die Kinderbetreuung zu Hause "zuständig". Sollte z.B. kein Vater im Familienverbund sein (Alleinerzieherinnen), ist es oft so, dass Buben das mütterliche Verhalten betrachten und sich dann genau gegenteilig (nach ihrer Sichtweise also "männlich") verhalten. Wenn der Haushalt geschlechtstypisch abläuft, werden auch die Kinder entsprechende Verhaltensweisen an den Tag legen. Doch sogar, wenn zu Hause versucht wird, geschlechtsuntypisch zu erziehen, kann das nur sehr begrenzt erfolgreich sein.

Zum einen ist klar, dass auch in solchen Familien Rollenmuster wirken. Oft wirken diese sehr unbewußt: So wurde überprüft, wie Kinder in Babytragetüchern getragen werden. Der Großteil der Buben wurde mit dem Gesicht zur Außenwelt gehalten, der Großteil der Mädchen beschützend mit dem Gesicht zum Körper des/der Tragenden.

Zum anderen ist dieser Versuch spätestens dann gescheitert, wenn das Kind im Kindergarten, im Park, ... mit Gleichaltrigengruppen zusammenkommt, und wo es OutsiderIn wäre, würde es z.B. als Bub darauf bestehen, mit Puppen zu spielen. Hinzu kommt die Rolle der Verwandter, der Außenwelt und der Medien. Aufgrund der kleineren Rolle, die Männer zumeist im Haushalt einnehmen, sind Buben - mehr als Mädchen - darauf angewiesen ihre "Vorbilder" auch außerhalb ihrer "realen Welt" zu suchen. Den Medien und insbesondere dem Fernseher kommt hier große Bedeutung zu. Schätzungen zufolge verbringen Kinder in Deutschland bis zum Schuleintritt etwa 1000 Stunden vor dem Fernseher, was angesichts der stereotypen Präsentation der Geschlechter in diesem Medium tiefe Spuren hinterlässt. Aber auch hier holen sich Kinder die nötige Orientierung.

Spielen

Interessant ist ein Versuch, indem Kindern Karten mit verschiedenen Spielmaterialien (alles, womit das Kind spielt) gezeigt wurden. Die Kinder waren in ihrem Entwicklungsstadium noch nicht fähig, das Spielmaterial geschlechtsspezifisch zuzuordnen, es war allerdings bei der Frage mit welchem Spielmaterial das Kind gerne selbst spiele, eine klare Präferenz der Geschlechter zu erkennen. Ebenfalls sehr früh, mit etwa zwei Jahren, ist auch die durchschnittlich höhere körperliche Aktivität und die höhere Aggressivität im Spiel von Buben zu beobachten.

Puzzles, Gesellschaftsspiele, Bilderbücher, Tierfiguren, Mal- und Bastelsachen werden als eher geschlechtsneutrale Spielmaterialien gehandhabt. Beobachtungen in Kindergärten haben gezeigt, wie die verschiedenen Spielbereiche von welchem Geschlecht ausgelastet sind. So ist der Baubereich zu 75% von Buben besucht. Der Malbereich wird zu 68% von Mädchen genutzt.

Bei Rollenspielen und Interaktionsspielen wird der geschlechtliche Unterschied sehr stark sichtbar. Buben sind in der Regel kaum bereit die "schwächere" oder frauentypischere Rolle zu übernehmen. Bei Buben sind es auch eher gefährliche Situationen (brennendes Haus, Weltallreise) die nachgespielt werden, während bei Mädchen die nachgestellte Situation zumeist im häuslichen Bereich oder im Märchenbereich zu finden sind.

Bei Bubengruppen ist der "Anführer" zumeist ein sehr "typischer" Bube. Ein sehr kräftiger, durchsetzungsfähiger und besonders kluger, der im Spiel die dominierende Rolle spielt und dem Spiel die Richtung gibt, in die es gehen soll. Bei Bubengruppen sind hierarchische Strukturen viel stärker ausgeprägt, bei reinen Mädchenspielgruppen sind kaum hierarchischen Strukturen zu beobachten.

Auch das Bemuttern von jüngeren Kindern ist bei Buben viel seltener zu beobachten. Bei Mädchen ist es fast selbstverständlich, dass sie jüngeren Kindern Hilfe zukommen lassen. Insgesamt ist offensichtlich, dass gesellschaftliche Rollenbilder von den Kindern bereits sehr früh übernommen werden

Nicht-rollenspezifisches Verhalten

Interessant ist, wie die Gesellschaft mit Nicht-rollenspezifischem Verhalten umgeht. Verhält sich ein Mädchen eher "bubenhaft", wird es belächelt und als "Mannsweib" oder "Wildfang" angesehen. Ein Bube, der sich nicht seiner Geschlechtsrollenstereotypen gemäß verhält, wird oft von Erwachsenen und Gleichaltrigen getadelt und erhält negative Rückmeldungen, nicht umsonst lautet das Sprichwort: "Ein Indianer kennt keinen Schmerz" und nicht "Eine India-nerin kennt keinen Schmerz.

Später werden diese Zuordnungen noch deutlicher. Besonders ausgeprägt sind sie ab dem Zeitpunkt, wo das eigene und das andere Geschlecht auch sexuell wahrgenommen wird. Männern wird die Rolle als dominante und sexualisierte Wesen zugeschrieben, deren Ziel es zu sein hat, möglichst viele Frauen zu "bekommen". Frauen, die sich ähnlich verhalten, werden als "Huren", "Nutten" oder "Schlampen" diffamiert.

Unklar ist bis heute, welchen Stellenwert genetische Einflüsse tatsächlich auf unser Verhalten haben. Versuche mit voneinander getrennt aufgewachsenen Zwillingen deuten darauf hin, dass ein Einfluss der Erbanlagen auf unser Verhalten nicht gänzlich abzustreiten ist (sehr fraglich ist allerdings, ob dieser Einfluss auch geschlechtsspezifisch wirkt). Offensichtlich ist jedoch, dass der wesentliche Anteil an unserem geschlechtertypischen Verhalten gesellschaftlich begründet ist. Es gilt, diese gesellschaftlichen Zustände zu ändern.


Quellen:
° Peter Rossmann, Einführung in die Entwicklungspsychologie des Kindes- und Jugendalters
° Margarete Blank-Mathieu, Kleiner Unterschied - Große Folgen? Geschlechtsbewusste Erziehung in der Kindertagesstätte
° Barbara Rendtorff, Kindheit, Jugend und Geschlecht; Einführung in die Psychologie der Geschlechter


Anlage oder Umwelt?

In Bezug auf die Annahme der Geschlechterrollen bei Kindern in so jungem Alter ist die Frage präsent, ob diese Fähigkeiten und Interessen, die Kinder eines gewissen Geschlechtes mehrheitlich entwickeln, naturgegeben und genetisch vorbestimmt sind, oder ob sie durch Sozialisation erlernt werden.

Interessant ist hier eine Studie, in dem Kinder bei der Geburt aufgrund von uneindeutig ausgebildeten Geschlechtsmerkmalen dem falschen Geschlecht (im Bezug auf ihren Genotyp) zugeordnet wurden, und sich überwiegend dem zugeordneten Geschlecht gemäß Verhalten haben. Kinder mit XX-Genotyp wurden als Buben betrachtet und demnach erzogen und Kinder mit XY-Genotyp fälschlicherweise als Mädchen. Beide hatten bis zur Pubertät die ihnen jeweils zugewiesene Geschlechtsrolle angenommen. Das deutet darauf hin, dass die geschlechtlichen Rollen überwiegend gesellschaftlich geprägt sind.


Quelle: Peter Rossmann, Einführung in die Entwicklungspsychologie des Kindes- und Jugendalters

 

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