Seit Monaten gibt es heftige Proteste österreichischer Fußballfanklubs. Anlass ist das bevorstehende Verbot von Pyrotechnik in den Stadien. Die Linke und die Fanklubs haben hier gemeinsame Interessen. Warum, zeigt der folgende Artikel.

Bereits seit dem Sommer dieses Jahres betrieb Innenministerin Maria Fekter die Verschärfung des Pyrotechnikgesetzes. Damit soll in und um Fußballstadien die Verwendung von so genannten bengalischen Feuern und Rauchtöpfen komplett verboten werden. Auch die in manchen Stadien in Absprache von Fans und Verein erlaubten angemeldeten „Pyroshows“ sind damit untersagt.

Fekter gegen Fans

Im ursprünglichen Gesetzesentwurf von Sommer 2009 hatte es geheißen, dass „pyrotechnische Gegenstände“ in „Zusammenhang mit einer Sportveranstaltung 1. nicht besessen und 2. nicht verwendet werden“ dürfen. Unter dem Druck des Österreichischen Skiverbandes, der um die Inszenierung seines Schladminger Night Races und ähnlicher Events fürchtete, ist im geänderten Text des Ministerrates von Oktober nicht mehr von „Sportveranstaltung“, sondern von „Fußballsportveranstaltung“ die Rede.

Das führte zu einer Empörung über die „Lex Fußball“, sodass die Endfassung des Gesetzes, wie sie vom Innenausschuss des Parlaments am 5. November festgelegt wurde, wieder von „Sportveranstaltungen“ spricht. Allerdings gibt es Ausnahmen bei „besonderen Anlässen wie Weltmeisterschaften oder wichtigen Fußballspielen“. Das ermöglicht dem Establishment die gefragten Pyro-Medienshows bei für den Tourismus wichtigen „Events“, kriminalisiert aber die wöchentliche Fankultur in den Stadien. Ab 4. Januar 2010 soll das neue Gesetz zur Anwendung kommen. Bei Verstößen drohen Geldstrafen bis zu Existenz bedrohenden 10.000 Euro (für so manchen Fan ein Jahreseinkommen) und Freiheitsstrafen bis zu sechs Wochen.

Fekter argumentiert die ganze Sache mit zwei Dingen: Erstens mit einer angeblichen EU-Richtlinie, die das erfordere. Damit soll die Öffentlichkeit für dumm verkauft werden, denn in der entsprechenden Richtlinie finden sich gar keine Forderungen nach strengeren Regeln für Sportgroßveranstaltungen. Real soll damit nur die Verantwortung für das Gesetz auf die EU abgeschoben werden.

Das Hauptargument von Fekter und der Regierung ist aber, zweitens, die potenzielle Gesundheitsgefährdung und das Gefahrenpotenzial, das bei den 2000 Grad heißen Bengalen entstehe. Blindlings unterstützt von willfährigen Medien setzt Fekter permanent und unzulässigerweise den Einsatz von Pyrotechnik mit Gewalt gleich. Das Innenministerium spricht dabei von einem dramatischen Anstieg von Gewaltdelikten in den Stadien – was vom Fußballmagazin „ballesterer“ zu Recht als „Panikmache“ bezeichnet wird. Das Ministerium nimmt völlig willkürlich als Vergleich die Saison 2005/06 her, um eine möglichst hohe Steigerung zu erreichen und den mit der EM erhöhten „Sicherheitsaufwand“ zu rechtfertigen. Die Zahl der tatsächlichen Verwaltungsstrafen und Strafanzeigen hängt dann natürlich stark vom Ausmaß der Überwachung und Verfolgung ab. Und selbst unter diesen Bedingungen gab es in der letzten Saison nur einen geringen Anstieg.

Vor allem aber sind beim Einsatz von Bengalen und Rauchtöpfen in den Stadien – im Unterschied zu Böllern – seit Jahren kaum Verletzungen aufgetreten. Wenn man/frau bedenkt, dass in Österreich jährlich etwa 5200 Menschen nach einem Hundebiss ins Spital eingeliefert werden (darunter rund 1300 Kinder, viele davon mit bleibenden Schäden im Gesicht), immer mehr (zumeist) Männer mit hohem Aggressionspotential mit Kampfhunden rumlaufen und die bestehende Beißkorbpflicht einfach nicht exekutiert wird, ist es schon hochgradig absurd, welche Hetze und Kriminalisierung Frau Fekter (mit Rückendeckung der Regierung) gegen Fußballfans betreibt.

Tatsächlich geht es dem Establishment hier nicht um „Gewalt“ oder „Gefahren“, sondern um etwas ganz anderes, nämlich um die Unterwerfung und Kriminalisierung eines aufmüpfigen proletarischen Milieus in den Stadien. Die oberösterreichische Kieswerk- und Transportbeton-Unternehmerin Maria Fekter (Spitzname „Schotter-Mitzi“) im Innenministerium ist bei diesem Klassenkampf von oben besonders engagiert – und bei den Fans besonders verhasst.

Fanwiderstand

Seit Jahren hat sich in der österreichischen Fanszene die ursprünglich aus Italien stammende, so genannte „Ultra“-Fankultur weitgehend durchgesetzt. Anders als die britische Tradition (die etwa noch beim Wiener Sportklub gepflegt wird), setzen die Ultra-orientierten Fanklubs (bei Rapid, Sturm, Austria…) auf aufwendige optische Choreographien und dabei besonders auch auf den Einsatz von Bengalen und Rauchtöpfen. Die Anwendung des neuen Pyrotechnikgesetzes würde diese Fankultur zu einem guten Teil ruinieren.

Dementsprechend stark waren die Proteste der Fanklubs in den letzten Monaten. Bereits in der zweiten Bundesliga-Runde präsentierten Austria- und LASK-Fans eine gemeinsame Spruchband-Aktion mit dem Titel: „Fekter: Wenn Argumente fehlen, folgen Verbote und Strafen“. Die Rapid-Fans ließen im Match in Mattersburg ein „Wir scheißen auf euer Geschwätz zum Pyrogesetz“ folgen. Unterstrichen waren die Botschaften von massivem Bengalen-Einsatz. Auch in Innsbruck wurde mit Feuer und Spruchband protestiert. In Linz und Ried beschlagnahmte die Polizei Fekter-kritische Transparente.

In der letzten Phase taten sich besonders die Sturm- und Rapid-Fans hervor: Beim direkten Duell am 18. Oktober gab es eine abgesprochene Aktion: Die Sturm-Fans ließen wissen: „Fekters Gesetze sind für uns nur Schall und Rauch“. Auf der anderen Seite gab es ein Spruchband der Rapid-Fans gegen das neue Gesetz. Begleitet war das Ganze durch massives Zünden von Bengalen. Eine Woche später zogen die Rapid-Fans beim Heimspiel gegen Mattersburg mit einem Spruchband Bilanz: „Block West Bilanz in Graz: 46 Bengalen, 6 Rauchfackeln, 0 Verletzte. Eure Argumente sind das Letzte.“

Beim anschließenden Spiel Rapid gegen Ried gab es wieder eine schöne gemeinsame Aktion beider Seiten mit den gleich lautenden Spruchbändern: „Legal und kontrolliert statt illegal und kriminalisiert“. Die Rapid-Fans ergänzten mit vier weiteren Spruchbändern, unter anderen: „In der Kurve verboten, neben der Piste erlaubt. Haben sie euch die Logik geraubt?“ oder „Ja zur Fankultur, nein zur Pyrogesetznovelle“. Die AktivistInnen der Fanklubs verteilten außerdem einen Flyer, auf dem es unter anderem hieß:

„Pyrotechnik ist ein fixer Bestandteil unserer Fankultur und sorgt nicht nur für optische Highlights, sondern trägt einen großen Teil zur hervorragenden Stimmung im Gerhard Hanappi Stadion bei. Es sorgt nicht nur für begeisterte Gesichter auf allen Tribünen, sondern ist seit langem Teil des Spektakels Stadionbesuch, welcher von Jung und Alt ohne Angst genossen werden kann. Jedoch distanzieren wir uns von der Verwendung so genannter ‚Böller’, welche im Gegensatz zu den von uns eingesetzten optischen Mitteln nachweislich Schaden angerichtet haben. Von Seiten der Medien und der Regierung werden Bengalische Feuer fälschlicher Weise fortwährend mit Gewalt assoziiert. Wir stehen Woche für Woche im Stadion und uns sind keinerlei Verletzungen von Besuchern des Block West oder von Besuchern anderer Kurven des Landes bekannt. Gegenteilige Äußerungen von Verantwortlichen des Innenministeriums sind uns unerklärlich und können daher nur als bewusste Manipulation der Tatsachen angesehen werden.“

Marxistische Position

Insgesamt hatten wir es in den letzten Monaten mit einer für österreichische Verhältnisse breiten Bewegung zu tun, an der sich in den Fanklubs tausende Menschen (vor allem junge Männer aus der ArbeiterInnenklasse) beteiligten. Es ist eine Bewegung gegen Repressionsmaßnahmen des bürgerlichen Staates. Als solche sollte sie von der organisierten ArbeiterInnenbewegung und der Linken unterstützt werden. Egal, ob man/frau sich für Fußball interessiert oder nicht, ob man/frau auf britische oder italienische Fankultur steht, der Widerstand der Fanklubs gegen das neue Pyrotechnikgesetz ist ein Kampf, der uns alle angeht.

Die geplante Repression des bürgerlichen Staates gegen die Fußballfanszene ist ein Teil der staatlichen Repression insgesamt, wie es sie letztes Jahr gegen TierrechtlerInnen oder vergangenes Frühjahr gegen 1.Mai-DemonstrantInnen in Linz gab. All jene, die gegen das herrschende System aufmucken, sollen mundtot gemacht, schikaniert und kriminalisiert werden. Repressalien gegen Fußballfans, etwa die vor dem EM 2008 eingeführte Präventivhaft oder die aktuellen unverhältnismäßigen Strafen für kleinste Delikte können (etwas modifiziert) nur zu leicht auch gegen DemonstrantInnen oder Streikende eingesetzt werden – gerade angesichts der Krise des Kapitalismus. Deshalb sagen wir eindeutig: Solidarität mit den Fußballfanklubs! Nein zum neuen Pyrogesetz!

Wenn wir uns mit dem Widerstand der Fanklubs gegen das neue Gesetz solidarisieren, heißt das natürlich nicht, dass wir der Fanszene in ihrer Gesamtheit unkritisch gegenüber stehen. Über die oftmals machistische Stimmung in den Stadien und rassistische Vorfälle in Kurven haben wir bereits des Öfteren geschrieben (zuletzt bei einer Einschätzung der österreichischen Fußballfanszene im September). Bei den Rapidfans, die solches zuletzt einigermaßen im Griff zu haben schienen, gab es bei den Europa-League-Spielen gegen Hapoel Tel Aviv einige üble Szenen: Hitler-Gruß im Fansektor beim Spiel in Israel, zwei 50-jährige Männer mit Hitler-Gruß außerhalb des Fansektors in Wien, ein „Scheiß Juden“-Schreier im Block daneben, ein fetter Skinhead, der bei der Heimfahrt in der U-Bahn volltrunken grölt „Adolf Hitler war Rapidler“. Alles nicht von den Fanklubs ausgehend, gewiss, aber doch mehr, als dass diese Dinge als Einzelfälle abgetan werden könnten.

Auch bei den Protesten gegen das neue Pyrotechnikgesetz wurden zwar überwiegend, aber nicht nur unterstützenswerte Parolen ausgeben. Beim Europa-League-Spiel Austria Wien gegen Novi Sad zogen Austria-Fans ein Transparent auf, auf dem zu lesen war „Pro Gewalt und Pyro“. Solche Aktionen sind zwar auch bei den zuletzt recht in Verruf geratenen Austria-Fans sicher nicht mehrheitsfähig, zeigen aber doch, dass es in einigen Kurven ein gewisses Potential an ziemlichen Idioten gibt.

Trotzdem ist der Widerstand gegen das neue Pyrotechnikgesetz als Kampf gegen staatliche Repression insgesamt gut und unterstützenswert. Positiv daran ist auch, dass gegnerische Fanklubs gemeinsam Aktionen durchgeführt haben (LASK-Austria, Sturm-Rapid, Rapid-Ried…), dass das übliche kleinliche Sektierertum da etwas zurück gestellt wurde.

Wie weiter?

Anfang Januar wird das neue Gesetz in Kraft treten. Da ist es freilich mal ein Fetzen Papier. Ob Gesetze gesellschaftliche Realität werden, hängt von ihrer Durchsetzbarkeit in der Praxis ab, also von den Kräfteverhältnissen im jeweiligen Konflikt, vom Ausmaß von Widerstand und Nicht-Befolgung. Das muss sich in Hinblick auf das Pyrotechnikgesetz erst herausstellen.

Georg Kleinschuster vom Grazer Fanklub „Sturmflut“ glaubt nicht, dass das neue Gesetz die Verwendung von Bengalen in den Kurven verhindern kann. Er geht vielmehr davon aus, dass durch die Kriminalisierung die Gefahren steigen werden: „In den letzten Jahren ist in Graz mit Bengalen verantwortungsvoll umgegangen worden. Ich befürchte, dass es gerade durch härtere Strafen eher zu unkontrollierten Situationen kommen wird.“ Und Sturm-Fanbetreuer Bruno Hütter setzt hinzu: „Wie sollen unsere Ordner das kontrollieren? Ich glaube nicht, dass wir einen Ordner in einen Sektor schicken, wenn jemand eine Bengale zündet. Aktiv werden muss die Polizei, der eine Videoüberwachung zur Verfügung steht.“

Das Hineinschmuggeln von Bengalen in die Kurven wird nicht zu verhindern sein; da müssten sie wohl, da die Bengalen relativ klein sind, sämtliche Fans beim Eingang nackt ausziehen lassen, was kaum durchsetzbar ist. Wenn die Verwendung der Bengalen kriminalisiert ist, werden das Fans eben vermummt machen; da hilft eine Videoüberwachung nur sehr eingeschränkt. Und was will die Polizei sonst tun: Wegen ein paar Bengalen eine Kurve stürmen und eine Massenschlägerei auslösen? Ob der Staat eine solche Eskalation betreiben wird, ist letztlich eine politische Frage, die nicht nur in den Kurven entschieden wird.

Selbst Thomas Kantor, der Fanbeauftragte von Austria Kärnten, der es ja nicht mit einem großen Fanaufkommen zu tun hat, meint skeptisch: „Gesetz und Umsetzung sind immer zwei verschiedene Paar Schuhe.“ Und Gerald Schwaninger; der Sicherheitssprecher von Wacker Innsbruck, wo es regelmäßig mit den Fans vereinbarte Pyroaktionen gibt, kündigte ganz offen eine Negierung des Pyroverbotes an. Ab Januar wird sich also zeigen, ob die Innenministerin Fekter die neuen staatlichen Repressalien gegen die österreichische Fanszene durchsetzen kann.