„Tag und Nacht“, der aktuelle Kinofilm der österreichischen Regisseurin Sabine Derflinger, handelt von zwei jungen Frauen, die sich ihr Studium durch Arbeit für ein Escortservice finanzieren wollen. Der Film zeigt ein ungeschöntes Bild der so genannten „Edelprostitution“.

Das Thema von „Tag und Nacht“ ist schnell erzählt: Die beiden Studentinnen und besten Freundinnen Lea (Anna Rot) und Hanna (Magdalena Kronschläger) heuern bei einem Escortservice an, um sich neben dem Studium Geld zu verdienen. Sex für Geld, das sehen die beiden Frauen - entgegen so mancher moralisierender Kritik - als normale Lohnarbeit an. „Ansonsten gehen wir halt kellnern, für acht Euro in der Stunde“ meint Lea zu Beginn des Films zu Hannah. Mehr noch als überdurchschnittliche Bezahlung reizt sie anfänglich das Abenteuer an ihrem neuen Job. Doch die beiden Studentinnen werden sehr bald von der Realität eingeholt – und überrollt.

Mit dem Studium scheint die Sexarbeit dann doch nicht so leicht vereinbar zu sein. Lea verfehlt die Aufnahme in die Schauspielschule und auch die Kunstgeschichtestudentin Hannah kommt an der Uni nicht voran. Die „Jobs“ bei den Kunden mit ihren eher seltsamen sexuellen Ansprüchen sind scheinbar nur mit exzessivem Alkohol- und Drogenkonsum verkraftbar. Der Lebensstil der beiden Frauen wird nicht unbedingt als schön dargestellt. Der Film unterliegt so nicht einer Gefahr, die gerade in der Darstellung von „Edelprostitution“ besteht, die – so eine vor allem bei vielen Männern beliebte Behauptung – angeblich leichtes Geld brächte und denn Frauen sogar Spaß machen würde.

Klischeemäßiger geht es da schon im Bereich der Männerfiguren des Films zu. Doch die gezeigte Welt ist wohl tatsächlich eine voll von Klischees. Und immerhin wurden die Figuren gemeinsam mit Frauen entwickelt, die real im Escortservice gearbeitet haben. Die Freier, durchwegs aus der Bourgeoisie und dem Kleinbürgertum, werden tendenziell als jämmerliche, teilweise sogar lachhafte Gestalten porträtiert. Wenn etwa ein verklemmter Bauunternehmer Hannah auffordert, sie solle seinen "Lumpi schlagen", kommt im Kinosaal Gelächter auf. Dennoch ist im Film immer klar: Wer zahlt, schafft an. Und wer am Ende wirklich kassiert, ist der Zuhälter. Auch Gewalt und Grenzüberschreitungen werden nicht ausgespart.

Dass der Film auf explizite Aussagen zum Thema Prostitution verzichtet, liegt auch daran, dass die beiden Freundinnen ihre Arbeitsbedingungen kaum reflektieren (was sie gegen Ende auch voneinander entfremdet). Einmal fragt Hannah Lea, ob sie denn auch schon einen Orgasmus mit einem Kunden gehabt hätte. „Ja, der Körper reagiert halt. Wenn man mich kitzelt, muss ich auch lachen.“ Hm? Generell sind die Dialoge eher kurz und zu einem nicht unbeträchtlichem Teil besteht „Tag und Nacht“ aus mitunter sehr expliziten und nicht minder verstörenden Sexszenen. „Der gezeigte Sex ist angemessen ekelhaft“, wie es in einer Filmkritik auf orf.at nicht zu Unrecht heißt.

Mit „Tag und Nacht“ ist Sabine Derflinger und ihrem mit überdurchschnittlich vielen Frauen besetzten Filmteam ein realistischer, nicht moralisierender Blick auf das Thema gelungen. Antworten gibt der Film freilich keine. Diese werden andere geben müssen.

 

Zum Weiterlesen:

Eine marxistische Analyse der Prostitution

 Eine marxistische Analyse der Prostitution. Marxismus-Broschüre 34, November 2010, 32 Seiten A5, Preis: 2 Euro / 3 SFR. Erhältlich im Webshop

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