Leo Trotzki war der Führer des Oktoberaufstandes 1917, der Gründer der Roten Armee und die zentrale Persönlichkeit bei der Formierung der Linksopposition und der Vierten Internationale. Vor genau 70 Jahren wurde er in Mexiko von einem stalinistischen Agenten erschlagen.

Die RSO sieht sich selbst in der Tradition des Trotzkismus – nicht in dem Sinn, dass wir jede Positionierung Trotzkis automatisch richtig finden, sondern in einer positiven Bezugnahme auf politische Kernpunkte, die auf Trotzki zurückgehen. Das betrifft vor allem diese Fragen: ArbeiterInneneinheitsfront (statt „Volksfront“), permanente Revolution (statt Etappentheorie), Internationalismus (statt „Sozialismus in einem Land“), Rätedemokratie (statt sozialdemokratischem und stalinistischem Bürokratismus).

Im Folgenden bringen wir einen Artikel der RSO-Vorläuferorganisation AL, der einen kurzen Überblick über das Leben Trotzkis gibt, sowie Verweise auf  Texte zum Thema.

Leo Trotzki (1879-1940)

Am 21. August 2000 jährt sich zum sechzigsten Mal der Todestag des russischen Revolutionärs Lev Davidowitsch Bronstein, besser bekannt als Trotzki. Seitdem ist das Wort „Trotzkist“ für seine Feinde zum Sinnbild für das Böse auf der Welt, für seine AnhängerInnen hingegen das Bekenntnis zu Revolution und Sozialismus geblieben

Trotzkis politische Karriere begann früh. Erst 19-jährig wurde Trotzki als Mitorganisator des südrussischen Arbeiterbundes zum ersten Mal nach Sibirien deportiert. Von dort geflüchtet, spielte Trotzki eine nicht unerhebliche Rolle in den Fraktionsauseinandersetzungen innerhalb der Russischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAPR), wo sich Lenin und Julius Martow gegenüberstanden. Lenin argumentierte für eine streng zentralisierte Partei von BerufsrevolutionärInnen, Martow, der von Trotzki unterstützt wurde, bevorzugte eine breitere Parteiformation. Die Gruppe um Lenin, die die Mehrheit hielt, bildete die Fraktion der Bolschewiki (Mehrheitler) im Gegensatz zu Martows Menschewiki (Minderheitler). Trotzki unterstützte zuerst die Menschewiki, rückte aber bald von ihnen ab.

Die permanente Revolution

In der ersten russischen Revolution von 1905 wurde er 26-jährig bereits zum Vorsitzenden des ArbeiterInnenrates („Sowjet“) von Petersburg gewählt. Nach der Niederschlagung der Revolution und seiner erneuten Verhaftung entwickelte er die sogenannte „Theorie der permanenten Revolution“. Diese Theorie stellte einen Bruch mit dem klassischen Marxismus dar. Sie besagt, dass rückständige Länder (wie Russland) nicht automatisch das Stadium des Kapitalismus durchlaufen müssen, bevor der Sozialismus an die Macht kommen kann. Laut Trotzki kann in solchen Ländern das Proletariat die bürgerliche Revolution direkt in eine proletarische weiterentwickeln, sie also permanent machen. Die russische Revolution ist eine eindrucksvolle Bestätigung dieser Theorie

In den folgenden Jahren kritisierte Trotzki zwar weiterhin die mangelnde Demokratie des bolschewistischen Modells, erkannte aber, dass die Bolschewiki die ernsthafteren und konsequenteren RevolutionärIn-nen waren. Trotzdem versuchte er noch jahrelang, die Menschewiki und die Bolschewiki wieder zu vereinen. Erst im Juli 1917 schloss er sich mit seinen Meshrayonzy (Zwischengruppe), die damals rund 4.000 Mitglieder zählten, den Bolschewiki an und wurde sofort ins Zentralkomitee (ZK) gewählt. Der einzige, der mehr Stimmen als er erhielt, war Lenin.

Oktoberrevolution

Trotzki war als Vorsitzender des Militärischen Revolutionskomitees der bolschewistische Hauptverantwortliche für die erfolgreiche Oktoberrevolution. In den Jahren danach wurde Trotzki immer dort eingesetzt, wo das Schicksal der Sowjetunion auf der Schneide stand. Vor allem der Aufbau und die Leitung der Roten Armee, die schließlich in einem BürgerInnenkrieg die Konterrevolution besiegen konnte, wurden von Trotzki übernommen. Die unruhige Situation in Russland brachte die Bolschewiki allerdings dazu, einige sehr problematische Beschlüsse umzusetzen. So wurden nicht nur alle anderen Parteien, sondern schlussendlich auf dem Parteitag von 1921 sogar Fraktionen innerhalb der Bolschewiki verboten.

Trotzki, der diese Maßnahmen unterstützte, schrieb später in der „Verratenen Revolution“ selbstkritisch: „Das Verbot der Oppositionsparteien zog das Verbot der Fraktionen nach sich, das Fraktionsverbot mündete in das Verbot, anders zu denken als der unfehlbare Führer“ und spricht sich 1938 auch klar für ein Mehrparteiensystem aus: „Die Arbeiter und Bauern werden durch ihre freie Stimmabgabe zeigen, welche Parteien sowjetisch sind“.

Heute ist klar, dass einige der bolschewistischen Maßnahmen die Machtergreifung der StalinistInnen durchaus erleichtert haben. Aber natürlich waren dafür eine ganze Reihe von Faktoren verantwortlich, die letztlich in die Herrschaft einer neuen Bürokratie mündeten. Den Kampf gegen diese Bürokratisierung führten Lenin und Trotzki ab ca. 1922, 1923 begaben sich Trotzki und 45 andere prominente Bolschewiki mit ihrer „Erklärung der 46“ offen in Opposition. Lenin konnte an diesem Kampf nicht mehr teilnehmen, da er bereits schwerkrank war (und 1924 starb), unterstützte Trotzki aber immer wieder schriftlich. In seinem Testament forderte er sogar die Absetzung Stalins. Doch der Kampf gegen die Bürokratie war bereits verloren. 1927 wurde Trotzki schließlich aus der Partei ausgeschlossen und verbannt.

In den nächsten Jahren setzte sich Trotzki stark mit dem herannahenden Faschismus, vor allem in Deutschland, auseinander. Er forderte eine Einheitsfront der ArbeiterInnenorganisationen SPD und KPD und wurde dafür von den StalinistInnen absurderweise als Faschist gebrandmarkt. In seinem wahrscheinlich wichtigsten Werk, der „Verratenen Revolution“ analysierte Trotzki die Sowjetunion als bürokratischen ArbeiterInnenstaat und forderte eine neue Revolution. Spätestens die Niederlage in Deutschland, verbunden mit der weiteren Entwicklung in der Sowjetunion brachte ihn zum Schluss, dass der Aufbau einer neuen Partei und Internationale notwendig sei. So entstand aus der „Internationalen Linken Opposition“ (ILO) schließlich 1938 die IV. Internationale. 1940 schließlich schaffte sich Stalin seinen gefährlichsten marxistischen Kritiker endgültig vom Hals und ließ Trotzki von einem Agenten erschlagen.

 

Weitere Literatur:


Ernest Mandel, Trotzki als Alternative
Ernest Mandel, Oktober 1917
Isaac Deutscher, Der bewaffnete Prophet, Der unbewaffnete Prophet und Der verstoßene Prophet
Trotzki, Die verratene Revolution
Trotzki, Geschichte der russischen Revolution in drei Bänden
Trotzki, Die permanente Revolution
Trotzki, Mein LebeN