Die rechtspopulistische Schweizerische Volkspartei lieferte sich einen groben Faux-pas. Der Präsident der SVP Stadt Luzern, René Kuhn, zieht in einem Pamphlet über „linke“ und „ausgelumpte“ Frauen her. Während einige SVP Mitglieder diese Aussagen stark kritisieren, findet er auch Rückendeckung bei vornehmlich männlichen Kollegen. So schrecklich und mittelalterlich diese Aussagen auch tönen, wirklich überrascht sind wir nicht. Predigt doch gerade die SVP immer das „traditionelle Rollenbild“ und betreibt seit jeher eine äusserst sexistische „Realpolitik“.

René Kuhn, an Ignoranz kaum zu übertreffen

Konkret benutzt Kuhn in seinem wohl sehr unüberlegt verfassten Pamphlet, welches den schnittigen Namen „Von linken, ausgelumpten Frauen“ trägt, Worte, welche jedem halbwegs emanzipierten Menschen sauer aufstossen müssen. Er lässt sich über die seiner Ansicht nach „zahlreichen linken und ungepflegten Frauen“ aus, welche keinen Schmuck oder Make-Up tragen würden, obwohl sie es „dringend nötig hätten“. Er geht so weit und bezeichnet sie als „Weiber ohne Weiblichkeit“, als „Emanzen“ (was suggeriert, dass Emanzipation als eine negative Sache gilt) und gar als "Vogelscheuchen". Dass solche Leute in der mitglieder- und wählerInnenstärksten Partei der Schweiz tätig sind, ist sehr beunruhigend aber leider nicht überraschend.

Die SVP als „broad-right“-Projekt

Die SVP ist alles andere als eine homogene Partei. Zwar konnten die stärksten Widersprüche beseitigt werden, indem ein Teil des liberaler eingestellten Flügels ausgeschlossen wurde, aber immer noch ist sie alles andere als einheitlich. Die SVP ist im Grunde eine rechtspopulistische, bürgerliche Partei. Sie hat es sich aber zum Ziel gesetzt, rechte Konkurrenz durch Integration auszumerzen. Deshalb stehen die Parteitore für die finstersten Elemente des reaktionären und rechtsextremen Spektrums offen. Dass Kuhn mit seiner Aussage nicht bei der ganzen Partei auf Zurückweisung gestossen ist, wird schon dadurch bewiesen, dass SVP Parteisekretär Urs Wollemann diese Aussagen einfach als „Privatmeinung“ abtut. Dabei stellt er sich sogar gegen SVP intern geforderte Disziplinarmassnahmen. Schliesslich dürfe man ja „der anderen Seite keinen Gefallen machen“, so Wollemann.

Sexismus als Parteiprogramm

Die SVP selbst hat eine äusserst sexistische Ausrichtung, so war der SVP Vorläufer, die Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei eine derjenigen Parteien, welche sich 1959 gegen die Einführung des Frauenstimmrechts stellten. Dies noch dazu zu einer Zeit als das in den meisten Teilen Europas schon gang und gäbe war. Auch beschwört die SVP immer wieder das „traditionelle Rollenbild“, was so viel heisst wie: „Die Frau gehört an den Herd und soll sonst nicht viel zu melden haben.“ Ausserdem stellt sie sich auch immer wieder bei Verbesserungen der Gleichstellung quer und bezeichnet geschlechtsneutrale Sprache als "überflüssigen Blödsinn". Deshalb kann es uns auch nicht wundern, wenn solche üblen sexistischen Attacken gerade aus dieser Partei kommen, führt Herr Kuhn doch nur im Extrem aus, was gesamtparteilich Konsens ist.

Sexismus pur

Unsere Gesellschaft ist durchsetzt von sexistischen Strukturen, die allerdings à la political correctness nicht mehr überall verbalisiert werden können/sollen. Heisst also, dass offener Sexismus eigentlich nicht mehr ganz salonfähig ist. Kuhn dagegen lässt sich davon nicht bändigen und bringt Sager wie „Frauen, welche nichts auf ihr Äusseres geben und man zweimal hinschauen muss, ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelt“ mit einer Selbstsicherheit vor, als hätte es Frauenbewegungen noch nie gegeben. Auch in der geforderten Rücknahme seiner Äusserungen sieht Kuhn sich als „Sprecher einer grossen schweigenden Gemeinschaft“. So sei diese Debatte „schon längst fällig gewesen“, was sich durch die grosse Resonanz in der Öffentlichkeit zeige. Leider räumt er mit diesen Sprüchen ja wirklich noch immer einige Lacher und Applaus ab, was zeigt, wie tief verwurzelt Sexismus in unserer Gesellschaft nach wie vor ist.

Ganz klar attackiert er die Haltung von Frauen, sich nicht „schön machen“ zu wollen. Doch was heisst das überhaupt? Schönheit ist keine absolute Kategorie, sondern stets dem geschichtlichen Wandel unterworfen. Und leider sind es in der patriarchalischen Gesellschaft vor allem Männer, welche das weibliche Schönheitsideal bestimmen. So gelten vor allem Attribute als schön oder sexy, welche hauptsächlich auf die sexuellen Eigenschaften einer Frau aufmerksam machen, sie also zu einem für Männer begehrenswerten Objekt abstempeln. Frauen werden besonders damit terrorisiert, einem bestimmten Schönheitsideal entsprechen zu müssen. Die Vermarktung weiblicher Körper ist im Kapitalismus allgegenwärtig – von der Werbung bis zur Prostitution. In Schönheitsidealen und Schönheitszwang reproduzieren sich sexistische Rollenbilder, welche den Schein von Naturverhältnissen einnehmen.

Die Emanzipation der Frau, ein Fortschritt im Klassenkampf und in der Menschheitsgeschichte

Immerhin musste Kuhn nun wirklich zurücktreten, was freilich nichts daran ändert, dass Alltagssexismus nach wie vor in allen gesellschaftlichen Schichten reproduziert wird. Für MarxistInnen ist jedoch klar, dass die Emanzipation der Frau letztlich nur für die Profiteure des patriarchalischen Kapitalismus unangenehm ist. Für alle anderen, insbesondere für die unterdrückten Massen und das Proletariat, ist die Emanzipation der Frau Vorbedingung der eigenen Emanzipation. Der Klassenkampf kann nicht gewonnen werden, wenn ArbeiterInnen und Unterdrückte gespalten sind. Kein Mensch kann zu Freiheit gelangen, während er/sie die Ketten einer/s Anderen schmiedet. Sexismus ist aber nicht nur tief in der (schweizerischen) Gesellschaft verwurzelt und im Interesse der herrschenden Klasse, er wird durch diese auch aktiv reproduziert, sei es über reaktionäre Rollenbilder in den Medien, ökonomische Schlechterstellung von Frauen oder offen sexistische Sager á la Kuhn. Deshalb muss der Kampf gegen Sexismus mit dem Kampf für den Sturz des kapitalistischen Systems verbunden sein.

Das bedeutet allerdings nicht, dass sich Sexismus durch den revolutionären Kampf von selbst beseitigen würde, auch in der ArbeiterInnenklasse nicht. Dazu braucht es die bewusste Überwindung sexistischer Denk- und Handlungsweisen. Dafür muss schon heute aktive Arbeit in der ArbeiterInnenklasse, insbesondere in den Betrieben aber auch in anderen Aktionsfeldern verrichtet werden. Der Kampf gegen Sexismus ist nicht Beigemüse, sondern wichtiger Bestandteil des revolutionären Kampfes. – Darum: Kein Sozialismus ohne Frauenbefreiung, keine Frauenbefreiung ohne Sozialismus.