Zwischen den Jahren 1975 und 1976 wurde für die Wiener Festwochen die große Halle des ehemaligen Auslands-Schlachthofs St. Marx im industriell geprägten Stadtteil Erdberg gewählt. 1976 sollte das Gebäude nach dem Ende des Veranstaltungsprogramms abgerissen werden, um ein Textilzentrum zu errichten. Diese Pläne riefen jedoch massive Proteste hervor, die schließlich zur Besetzung des Geländes führten. Eine Gruppe von ArchitekturstudentInnen hatte am 26. Juni 1976 mit dem Slogan „Der Schlachthof darf nicht sterben“ zu einem Treffen auf dem Gelände aufgerufen. Am Tag darauf forderten die Musik-Gruppen Keif und Schmetterlinge rund um Willi Resetarits („Ostbahn-Kurti“) auf dem „Anti-Schleiferfest“ am Naschmarkt dazu auf, am Abend in den Auslands-Schlachthof zu einer Aktion mit offenem Ende zu kommen. Etwa 500 bis 700 Personen folgten in der Nacht vom 27. auf den 28. Juni diesem Aufruf. Drei Monate dauerte die Besetzung, Leonard Cohen, Wolfgang Ambros, Georg Danzer, Peter Turrini und viele andere beteiligten sich mit Auftritten, das Kärntnertortheater gastierte mit Brechts „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“.

Die Stadt Wien reagierte zunächst abwartend, die „Kronenzeitung“ hingegen stand der Arena-Bewegung erstaunlicherweise positiv gegenüber. Eine IFES-Befragung im Juli 1976 ergab, dass ein Viertel der WienerInnen mit der Arena nichts zu tun haben wollte, knapp die Hälfte wünschte sich allerdings einen Kompromiss. Doch der Abriss konnte nicht verhindert werden, zu groß waren die Interessen der Stadt an der Textilkette Schöps, der das Grundstück zugesichert worden war.

Kompromiss

Die Stadt stellte als Kompromiss das Gebiet des benachbarten ehemaligen Inlands-Schlachthofs zur Verfügung, und so wurden trotz der Proteste im Oktober 1976 die Gebäude des Auslands-Schlachthofes abgerissen. Immer wieder hatten Beteiligte der Besetzung endgültig den Rücken gekehrt, darunter auch viele Frauen, die die Umgangsformen als sexistisch empfanden. Sicherlich mit ein Grund, warum die Räumung relativ gewaltfrei und ohne große Polizeieinsätze verlief. Im Juli 1977 kam es schlussendlich zu einer Einigung, auch wenn ein Teil der Beteiligten den Kompromiss als verräterisch verstand. Heute ist die Arena ein alternatives Kulturzentrum mit linkem Anspruch, neben dem regulären Programm ist auch immer wieder Platz für politische Veranstaltungen.

Amerlinghaus

Im Sommer 1975 organisierte eine Initiative ein Fest im damals leerstehenden Gebäude des heutigen Amerlinghaus, um gegen die Kaputtsanierung des Spittelberg-Viertels, damals ein heruntergekommenes ArbeiterInnen- und MigrantInnenviertel, zu protestieren. Leute aus der Nachbarschaft, StudentInnen, KünstlerInnen und Alternativgruppen forderten ein selbstverwaltetes, gefördertes Kultur- und Kommunikationszentrum und blieben den Sommer lang. Im Herbst kam es zu einer grundsätzlichen Einigung mit der Stadt Wien, dreieinhalb Jahre später konnte das Haus schließlich bezogen werden. Heute ist das Amerlinghaus ein links-alternatives Zentrum; neben eigenen Veranstaltungs-reihen stellt das Amerlinghaus seit Jahren politischen Organisationen Räume zur Verfügung und unterstützt diese durch Öffentlichkeitsarbeit und technisches Equipment.

GAGA und die Folgen

Zu den bedeutendsten Häuserkämpfen Wiens zählen die Begebenheiten rund um das Kultur- und Kommunikations-zentrum Gassergasse („GA-GA“) im 5. Bezirk. 1981 vergab die Stadt Wien zwei Häuser an zwei Wiener Initiativen, aus denen das Werkstätten- und Kulturhaus (WUK) und die GAGA hervorgingen. Das Areal des WUK wurde von einer in sich eher geschlossenen Gruppe und ohne Beteiligung der zukünftigen NutzerInnen saniert. Bis heute sind in den zahlreichen Räumlichkeiten des WUK-Gebäudekomplexes unter anderem alternative Einrichtungen vertreten.

In der Gassergasse, die die „linkeren“ Teile repräsentierte, wurde durch Beteiligte aus unterschiedlichsten Zusammen-hängen ein Jugendzentrum errichtet. 1983 wurde das Gebäude schließlich nach heftigen Auseinandersetzungen mit der Polizei (120 Festnahmen, etliche BesetzerInnen krankenhausreif geprügelt) geräumt und das Haus anschließend samt Inventar abgerissen.

Das Lokal Rotstilzchen wurde nach Abriss der GAGA ein wichtiger Treffpunkt der Haus-besetzerInnen und anderer linker Strukturen. Als der Besitzer das Haus verkaufen wollte, war das Rotstilzchen im Weg. Wegen vehementer Gegenwehr vergingen seit dem ersten Räumungsversuch aller-dings mehr als vier Jahre, bis 1990 tatsächlich geräumt wurde.

Gekommen, um zu bleiben

Ein weiteres wichtiges besetztes Zentrum war der Komplex Aegidigasse/Spalowskygasse beim Wiener Westbahnhof. Die Spalowskygasse war bereits seit Anfang der 1980er an Gruppen aus der Szene übergeben worden, ab Herbst 1983 wurden weitere leerstehende Wohnungen Stück für Stück bezogen. Immer wieder gab es in der Aegidigasse kulturelle Veranstaltungen oder Straßenfeste. Im Juli 1986 allerdings kündigte die Gemeinde die Verträge, doch die BewohnerInnen entschlossen sich, zu bleiben.

Wegen immer wiederkehrender Auseinandersetzungen um politische Positionen, aber auch zwischen Frauen und Männern, die eigene Frauenbereiche ablehnten, zog Anfang 1987 ein Teil der politischsten AktivistInnen, darunter viele Frauen, aus. Schlussendlich wurde die „Ägidi/Spalo“ von der Polizei brutal geräumt, die BesetzerInnen wurden durch eine „Prügelstraße“ aus dem Haus gejagt. Das alles geschah, während im Rathaus der Wiener SP-Bürgermeister noch Scheinverhandlungen führte.

Nach zahlreichen Verhandlungen mit der Gemeinde beschloss 1990 eine Gruppe der ehemaligen BesetzerInnen, ein Objekt im 10. Bezirk zu be-setzen, das der KPÖ gehörte und nannte es nach dem Kommunisten Ernst Kirchweger, der 1965 von einem Neonazi erschlagen wurde, EKH. Dieses Gebäude war seit den 50er Jahren im Besitz der KPÖ und wurde unter anderem für Schulungen, Veranstaltungen und als Wohnraum für ausländische Gäste der Partei benützt. Nun war das Bedürfnis nach Wohn- und Lebensraum der „Ägidi/Spalo“ verständlich und legitim. Doch wurden mit der Besetzung der Wielandschule nicht die getroffen, die dafür verantwortlich waren, dass die HausbesetzerInnen obdachlos waren, also kapitalistische SpekulantInnen oder die Stadt Wien, sondern eine linke Partei, die KPÖ.

Die BewohnerInnen suchten sich schlicht den schwächsten Gegner aus, der nicht willens und in der Lage war, eine Räumung durchzusetzen. Aus eigener Schwäche wurde der Konflikt in die Linke getragen, anstatt eine Diskussion über die Ursachen der Wohnungs-not zu führen. Die Stadt Wien und die BesitzerInnen der diversen Spekulationsobjekte in Wien waren mehr als froh über diese Entscheidung der BesetzerInnen, die den „Unruheherd“ endlich unterbrachte, noch dazu so, dass für niemanden außer der KPÖ ein Schaden entstand.(1)

Flex

Auch das Musiklokal Flex geht auf Strukturen der Aegidigasse zurück. Einige der Aegidis, auch als „Kulturfraktion“ bezeichnet, gründeten Anfang 1990 in der Arndtstraße im 12. Bezirk das Veranstaltungslokal Flex. Im Sommer 1991 machte auf der anderen Straßenseite ein Nazi-Skinheadtreffpunkt, die Holu-Bar auf, woraufhin es zu stetigen Konflikten kam, die schließlich und endlich mit der Kündigung der Räumlichkeiten des Flex beendet wurden.

1994 wurde dann in einem stillgelegten U-Bahnschacht der heutige Standort des Flex gefunden. Trotz von FPÖ und ÖVP initiierten BürgerInneninitiativen subventionierte die Stadt den Umbau mit rund 220.000 € (800.000 € Gesamt-kosten). Leider aber war in den folgenden Jahren eine Kommerzialisierung des Flex bemerkbar. Die Veranstaltungen sind primär unpolitisch, die Eintrittspreise teuer und öffentliche Räume am Donaukanal, die bisher genutzt werden konnten, sind neuerdings baulich und durch Flex-Securities abgetrennt


Fußnote:

1) „Stellungnahme der AL zur Situation rund um das EKH“

Hausbesetzungen - wie wir dazu stehen

Grundsätzlich ist die Vorstellung, jenseits von kapitalistischen Verwertungsinteressen leben zu wollen, gut und richtig. Hausbesetzungen können verschiedene Gründe haben. Sie können als politischer Akt die Notwendigkeit von Freiräumen aufzeigen, sie können das Bedürfnis nach Wohn- und Lebensraum befriedigen, sie können soziale Zentren schaffen oder sie können eine Mischung aus diesen Gründen sein. Alle diese Gründe sind legitim und erstrebenswert. Der kapitalistischen Verwertungslogik stellen wir antikapitalistische Losungen entgegen, die das Bedürfnis der Menschen nach Wohn- und Lebensraum über das Bedürfnis der KapitalistInnen nach Profit stellt. Dennoch ist es legitim, die Frage zu stellen, ob in der gegenwärtigen Situation das Besetzen von Häusern der primäre Ausdruck des politischen Kampfes sein sollte und ob über solche Besetzungen relevante Teile der kämpferischen ArbeiterInnen und der Jugendlichen angesprochen oder gar gewonnen werden können.

Darüberhinaus ist eine Hausbesetzung ein ressourcenschweres Unternehmen, das über den Akt der Besetzung weit hinausgeht. Die Gebäude müssen verteidigt und erhalten, die entstandenen Einrichtungen versorgt werden. So werden die Ressourcen der BesetzerInnengruppe beinahe gänzlich an das Objekt gebunden, was den politischen Kampf oft zum reinen Kampf zur Verteidigung der eigenen Strukturen degradiert.

In vielen Fällen waren besetzte Zentren eine Anlaufstelle der alternativen Jugendbewegung (die ja an sich hochnotwendig ist). Doch in ihrer Form wirkten sie gleichzeitig auch für viele exotisch und unzugänglich. Vor allem die Wohnprojekte unter ihnen zogen oft auch verschiedene Subkulturen an, die dann durch übermäßigen Alkohol und Drogenkonsum sowie einen Batzen Ignoranz das Projekt der umgebenden Bevölkerung noch unzugänglicher machten (Doch natürlich wäre es falsch, hier zu generalisieren, verschiedene Initiativen verfolgten eine unterschiedliche Ausrichtung, gingen unterschiedlich miteinander und den aufkommenden Problemen um.)

Doch diese Kritik wird uns selbstverständlich nicht daran hindern, besetzte Strukturen gegenüber den KapitalistInnen, den bürgerlichen Medien und der bürgerlichen Staatsgewalt zu verteidigen!